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„Das Entschwinden der Erinnerung. Vergessen-Werden im akademischen Metier zwischen 18. und 20. Jahrhundert“

Eine Forschungsarbeit von PD Dr. Tobias Winnerling aus dem Institut für Geschichte

Für die meisten Wissenschaftler*innern erfolgt nach ihrem körperlichen Ableben auch der zweite Tod – und zwar der Tod des Vergessenwerdens. PD Dr. Tobias Winnerling nimmt in seinem Forschungsprojekt „Das Entschwinden der Erinnerung. Vergessen-Werden im akademischen Metier zwischen 18. und 20. Jahrhundert“ diejenigen Gelehrten in Augenschein, deren Nachruhm sich verflüchtigte und verging, so dass ihre Namen heute nur noch wenigen Eingeweihten ein Begriff sind.

Am Ende des Gelehrtenlebens steht, wie für alle Menschen, zunächst einmal der Tod. Gerade für die spezielle Gruppe der Gelehrten aber ist das körperliche Ableben zumindest in der populären Imagination nicht gleichzusetzen mit dem gänzlichen Verschwinden, besteht ein gewichtiger Teil ihrer Aspirationen doch darin, den eigenen Tod zu überdauern und mit ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen in die Ewigkeit des Ruhms der Nachwelt einzugehen. Aus diesem Blickwinkel heraus, ist der körperliche Tod auch die Geburt zu einem zweiten Leben, einem Nachleben im Nachruhm. Für die meisten Wissenschaftler*innen jedoch war und ist dieses zweite Leben nur von kurzer Dauer: sie sterben rasch den zweiten Tod, und zwar den Tod des Vergessenwerdens. So ist es nur Wenigen vergönnt, eine dauerhafte Aufnahme in den kollektiven Wissensbestand nachfolgender Generationen zu gewinnen.

Winnerling widmet sich in seiner Arbeit den vielen Wissenschaftler*innen, die heute nur noch wenigen Eingeweihten ein Begriff sind. Dabei geht er nicht der Frage nach, ob diese zu Recht oder Unrecht in Vergessenheit gerieten, sondern vielmehr wie die Mechanismen und ihr Wandel dieser posthumen Selektion sind: Wer erwähnte wen wann und warum? Oder eben auch nicht? Wie wurden Leistungen eingeschätzt, wann begann das Vergessen? Lässt es sich regional oder sektoral differenzieren, oder gar wieder revidieren? Was sagt das über die Selektion von Wissensbeständen für das kollektive Wissen aus, und damit letztlich über die für die Bildung von Disziplinen und Wissenschaften konstitutiven Selbstvergewisserungsprozesse?

Vier Gelehrte mit Erinnerungspotential

Für seine Forschungsarbeit untersucht Winnerling exemplarisch vier Gelehrte des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts mittels postumer Rezeptionsprozesse. Seine Wahl fällt dabei auf Personen, die die nötigen Vorbedingungen für einen bleibenden Nachruhm theoretisch erfüllten, bei denen jedoch dennoch praktisch keine entsprechende Rezeption daraus folgte: Thomas Gale (England, ca.1636–1702), Johannes Braun oder Braunius (auch Jean Brun, Deutschland/Niederlande 1628–1708), Adriaan Reland (Niederlande, 1676–1718) und Eusèbe Renaudot (l’abbé Renaudot, auch der Jüngere, Frankreich, 1646–1720). Sie arbeiteten aus unterschiedlichen Richtungen alle als Philologen mit historischem Fokus. Gale als Gräzist, Braun und Reland über das Hebräische, Reland auch das Arabische und Renaudot vor allem über das Koptische. Alle hatten einen mehr oder weniger starken theologischen Bezug; Gale war darüber hinaus Doktor der Theologie und später Dekan der Diözese von York, Braun war Professor für calvinistische Theologie, Reland hatte eine Zweitprofessur für „Biblische Altertümer“ inne und war auswärtiges Mitglied der britischen „Society for the Propagation of the Gospel in Foreign Parts“. Renaudot war früh in seinem Leben in den Oratorianerorden eingetreten, den er zwar wieder verlassen, jedoch seine Gelübde nicht aufgegeben hatte und immer wieder für den französischen Hochklerus tätig gewesen. Über diese Tätigkeitsfelder waren sie in das Netzwerk von Gelehrten eingebunden, die im Bereich der Orientalistik forschten, das im späten 17. Jahrhundert ein sehr populäres wissenschaftliches Feld war.   

Systematische und netzwerkanalytische Bearbeitung

Winnerling betrachtet mit seiner Forschungsarbeit die Bezugnahme als konstitutivem Akt für alle Referenz- und damit Erinnerungsprozesse und einer anwendbaren Definition strukturellen Vergessens. Er untersucht die Familien der vier ausgewählten Protagonisten, die als erste ein Motiv hatten, sich posthum auf ihre Angehörigen zu beziehen sowie Schüler*innen und Wissenschaftskollegen als auch Mitglieder der Institutionen, denen die vier Ausgesuchten angehörten. Seine Forschungsarbeit wird darüber hinaus um einen Blick auf die zufällig interessierten Beobachter in den als unpersönlich inszenierten gelehrten Journalen erweitert. Dafür wertet er alle Nennungen der Namen in verschiedenen wissenschaftlichen Journalen über das gesamte 18. Jahrhundert aus und bearbeitet diese netzwerkanalytisch. Durch die systematische Auswertung von Buchauktions- und Verkaufskatalogen sowie bio-bibliographischen Nachschlagewerken wird die Forschungsarbeit um weitere mediale Analysen ergänzt. Das Projekt endet mit einer Zusammenschau der Einzelbeobachtungen zu einer allgemeinen Erklärung und prüft am Beispiel der Rezeptionen in Wikipedia kurz die heutige Relevanz der untersuchten Protagonisten. Möglich wurde diese Arbeit vor allem durch ein Marie Słodowska-Curie Individual Fellowship am Huygens ING der Königlichen Akademie der Wissenschaften, Amsterdam, von Oktober 2018 bis September 2019.

Vergessen-Werden ist keine Schande

Als Forschungsergebnis steht zunächst die Erkenntnis, dass ein Vergessen-Werden dem historischen Normalfall entspricht. Von allen, die jemals auf einem akademischen Gebiet tätig waren, sind nur noch eine verschwindend geringe Anzahl heutzutage so präsent, dass man sie als Unvergessene einordnen könnte. Dementsprechend kommt ein Vergessen-Werden auch keinem Scheitern und keiner Schande gleich. Aus der Tatsache des Vergessenwerden, kann also nicht geschlossen werden, dass Wissenschaftler*innen und ihre entsprechenden wissenschaftlichen Leistungen des Erinnerns nicht wert sind. Ein solches überzeitliches Urteil ist nur sehr beschränkt sinnvoll. Auch die glänzendsten Leistungen sind lediglich notwendige, jedoch keine hinreichenden Bedingungen für eine lang andauernde Erinnerungskarriere. Vielmehr hängt es von unvorhersehbaren Interessenskonjunkturen der Nachwelten ab, ob und für wie lange bestimmte Personen wieder soweit in den Erinnerungsumlauf gebracht werden, so dass auch von einer strukturellen Erinnerung gesprochen werden kann. Vergessen ist also weder zu bedauern noch zu betrauern – es ist das wahrscheinlich unausweichliche Schicksal aller Wissensarbeiter*innen.

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Autorin: Andrea Rosicki

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