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Gedenkstätte World Trade Center

Terror und Roman. 9/11-Diskurse in Frankreich und Spanien

Aktuelle Forschungsarbeit zur Rezeption der New Yorker Terroranschläge in der spanischen und französischen Literatur von Univ.-Prof. Dr. Ursula Hennigfeld aus dem Institut für Romanistik

Der 11. September 2001 gilt als weltverändernder Einschnitt und transnationales Medienereignis. Ob die These einer globalen Zäsur auch für die spanische und französische Literatur gilt, wurde bislang nur selten ernsthaft überprüft. Diese Forschungslücke wird nun von Prof. Ursula Hennigfeld vom Institut für Romanistik geschlossen.

In Ihrer aktuellen Publikation „Terror und Roman – 9/11-Diskurse in Frankreich und Spanien“ untersucht Prof. Hennigfeld die Rezeption der New Yorker Terroranschläge in Frankreich und Spanien anhand von öffentlichen Diskursen, wissenschaftlichen Arbeiten und fiktionaler Verarbeitung in Romanform. Die Studie zeigt, dass sich die Interpretation von 9/11 interkulturell unterscheidet, da sie mit spezifisch nationalen Erinnerungsdiskursen verbunden wird. So hat beispielsweise Spanien durch die ETA eine lange Terror-Vorgeschichte und wird im Jahre 2004 mit den Madrider Zuganschlägen selbst zur Zielscheibe von Al Qaida.

In ihrer historischen Perspektivierung von ‚Terror‘ und ‚Terrorismus‘ zeigt die Studie, welche Rolle die Französische Revolution oder auch der Zweite Weltkrieg für das heutige Verständnis von Terrorismus spielen. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt ist den Arbeiten französischer und spanischer Wissenschaftler aus mehreren Disziplinen, wie der Philosophie, Politologie, Geschichts- und Medienwissenschaften aber auch der Psychologie gewidmet. Diese kritisieren vor allem die mediale Berichterstattung über die Anschläge sowie den Begriff vom ‚Kampf der Kulturen‘, der von Samuel Huntington in seinem gleichnamigen Buch geprägt wurde.

Problematische Vereinfachung der Attentate

Für Ihre Forschungsarbeit analysiert Ursula Hennigfeld erstmalig ausführlich 14 französische und 16 spanische, außerhalb ihrer Herkunftsländer noch weitgehend unbekannte Romane über die New Yorker und Madrider Attentate. Dabei zeigt sich eine problematische Vereinfachung innerhalb der untersuchten Literatur: zum einen banalisieren direkte oder indirekte Vergleiche von 9/11 und Shoah die systematische Vernichtung europäischer Juden in der Zeit des Nationalsozialismus, zum anderen entspringt die häufig verwendete biologistische Metapher vom ‚Terrorismus als Virus‘ rassistischen Diskursen. Ebenso folgen die Attentäterbeschreibungen der Romane einem bestimmten kulturellen Klischee, sind diese doch ausschließlich ein reines Männerphänomen, deren Protagonisten stets als Opfer von Krieg, Migration und Rassismus mit Verlust- und Gewalterfahrungen charakterisiert werden. Reiner religiöser Fanatismus als Antrieb wird in der untersuchten Literatur jedoch systematisch ausgeblendet.

Fiktionale Literatur funktioniert ja wie ein gesellschaftlicher Seismograph.

Prof. Ursula Hennigfeld

‚Falling Man‘ als zentrales Leitmotiv

Ein zentrales Motiv der Romane sind die sogenannten ‚jumpers‘ bzw. das des ‚Falling Man‘. Diese vom Fotojournalisten Richard Drew gemachte Aufnahme eines aus den Twin Towers springenden Menschen wird nahezu obsessiv literarisch verarbeitet. Ebenso werden auch die zahlreichen Anrufe zukünftiger Toter aus dem World Trade Center bzw. aus den gekidnappten Flugzeugen überaus häufig literarisch aufgegriffen. Die auf Anrufbeantwortern „konservierten“ Aufnahmen werden dabei als entscheidendes Novum des 9/11 identifiziert.

9/11 wird in den untersuchten französisch- und spanischsprachigen Romanen als kollektive Zäsur gesehen, jedoch mit unterschiedlichen historischen Bezügen und Folgerungen. Während in den französischen Romanen tendenziell eine stark USA-kritische Haltung überwiegt, appelliert die untersuchte spanische Literatur häufiger an die Solidarität mit den Vereinigten Staaten und an die globale Verantwortung.


Fünf Fragen - Fünf Antworten

Im Gespräch: Prof. Ursula Hennigfeld, Autorin der Publikation ‚Terror und Roman – 9/11-Diskurse in Frankreich und Spanien‘ und Leiterin des Spanien-Zentrums (SpaZ).

Nachdem ich mich zunächst länger mit anglistischer Forschung beschäftigt habe, die eine neue Gattung – die „9/11 novel“ – beschreibt, habe ich festgestellt, dass eine Ausweitung auf das Diskursfeld Terror/Terrorismus nach dem 11. September sinnvoll ist. D.h. ich habe auch solche Romane einbezogen, in denen es nicht hauptsächlich oder ausschließlich um 9/11 geht. Aber der 11. September 2001 sollte schon explizit erwähnt werden. Die Romane sind alle zwischen 2001 und 2014 erschienen. Ab 2015 treten dann z.B. in der französischen Literatur die Charlie Hebdo- und Bataclan-Attentate in den Vordergrund – das wird vielleicht ein Folgeprojekt.

Fiktionale Literatur funktioniert ja wie ein gesellschaftlicher Seismograph. Selbst das Latente, noch nicht offiziell Sagbare oder Diskutierte wird sehr früh in fiktionaler Literatur aufgegriffen. Literaturwissenschaftliche Analysen können aufzeigen, was eine Gesellschaft umtreibt, welche Themen sie beschäftigt, aber auch welche Tabus, Konfliktthemen und Ängste das kollektive Unterbewusste beschäftigen. Und nach dem 11. September 2001 sieht man, dass zumindest für einige Jahre Terror zu einem dominanten Thema der Romanliteratur wird. Vor allem Fragen wie: Was bringt Menschen dazu, solche schrecklichen Taten zu begehen? Was sind die Ursachen für Terrorismus? Wie kann man ihn bekämpfen oder im Idealfall Präventivarbeit leisten? Man sieht jedoch, dass bei den Erklärungsversuchen gewissermaßen „alte“ narrative Muster greifen. Die Autoren bedienen sich bestimmter Stilmittel, Metaphern oder Intertexte, wie wir sie z.B. aus der KZ-Literatur kennen. Und das ist nun sehr spannend und auch problematisch – weil es nicht nur unsere Sicht auf Terrorismus prägt, sondern möglicherweise auch unseren Blick auf die Vergangenheit verändert. Man kann zeigen, dass mit dem 11. September der Konsens einer Unvergleichbarkeit der Shoah zunehmend schwindet.

Etymologisch betrachtet ist ‚Terror‘ zunächst eine ästhetische Kategorie, z.B. im Kontext der aristotelischen Dramentheorie: ‚phobos‘ (Angst, Schrecken) und ‚eleos‘ (Mitleid) sind Teil der kathartischen, reinigenden Wirkung des Dramas. Hier und in den Kunsttheorien der Frühen Neuzeit, die um das Erhabene kreisen, ist Terror zunächst eine positiv besetzte Kategorie. Mit der Französischen Revolution wird Terror dann Teil einer politischen Strategie gegen sogenannte innere Feinde der Republik. Politik und Moral bzw. Religion werden fusioniert – das wirkt bis heute nach. Wenn man sich intensiver mit dem ästhetischen Aspekt und der Etymologie des Terror-Begriffs beschäftigt, sieht man, dass Terror immer Schrecken und eine gewisse Faszination zugleich auslöst. Und vor allem immer eine ästhetische (mediale) Inszenierung braucht, um zu wirken. Dieser Blick in die Begriffsgeschichte ist in gewissem Sinne Arbeit am kollektiven Gedächtnis. So kann man die Rede von der Zäsur und dem völlig Neuartigen etwas differenzierter betrachten.

Auch für die Romane über den 11. März 2004 bleibt 9/11 der dominante Bezugspunkt. Gemeinsamkeiten bestehen darin, dass viel vom Unsagbaren und einer radikalen Zäsur die Rede ist, Attentäter als gesellschaftliche Verlierer präsentiert werden und die Form der Romane eher konventionell ist. Aber es gibt auch Unterschiede: Bei den spanischen Romanen über die Madrider Anschläge wird insgesamt öfter auf Verschwörungstheorien rekurriert und es finden sich weitverbreitete rassistische Vorurteile gegenüber marokkanischen Einwanderern, die nur abfällig „moros“ genannt werden.

Viele Romane versuchen zu erklären, wie sich Menschen radikalisieren und zu Selbstmordattentätern werden. Dazu wird eine Vorgeschichte erfunden, in denen Männer als Opfer von Krieg, Migration und rassistischer Ausgrenzung im Einwanderungsland präsentiert werden. Es wird also versucht, eine Kausalkette zu konstruieren, die allerdings religiöse Motivation und individuelle Verantwortung für eigenes Handeln ausklammert. Frauen kommen in Zusammenhang mit Terror bis auf ganz wenige Ausnahmen nicht vor. Man sieht, dass die Autoren auf stereotype Klischees und – wie man in der postkolonialen Theorie sagen würde – Orientalismen zurückgreifen. Das ist sicher einerseits der eigenen Unwissenheit geschuldet, aber auch einer gewissen Wahrnehmungssperre. Man stellt sich den Anderen (in diesem Fall den Attentäter) als negatives Gegenbild zum positiv besetzten Selbstbild vor. Damit reduziert man Alterität und erfindet gewissermaßen einen künstlichen Anderen, der dann vermeintlich beherrschbar wird und den man in bekannte Deutungsmuster pressen kann. Das macht das Unerklärliche verständlich – aber für die Terrorismus-Prävention hilft das sicher nicht weiter.

Die Publikation ist aus einem Drittmittelprojekt entstanden, das Prof. Hennigfeld im Rahmen ihrer Juniorprofessur an der Universität Freiburg begann. In den Jahren 2011 bis 2013 wurde es im Rahmen des Exzellenz-Programms des Landes Baden-Württemberg gefördert (Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg). Die Monographie ist im August 2021 im Winter-Verlag in Heidelberg erschienen.

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Autorin: Andrea Rosicki

Verantwortlichkeit: