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Schloss Wandsbek, Blick auf die Hoffassade 1772-1778, Litographie um 1850

PARVENUE – „Bürgerlicher Aufstieg im Spiegel der Objektkultur im 18. Jahrhundert“

Ein BMBF-Verbundprojekt aus dem Institut für Kunstgeschichte

Gesellschaftlich soziale Emporkömmlinge im 18. Jahrhundert - sogenannte Parvenüs - bedienten sich nicht selten Kunst und materieller Kultur als Instrument der Identitätsstiftung und Selbstvergewisserung. Das BMBF-Verbundprojekt "Bürgerlicher Aufstieg im Spiegel der Objektkultur im 18. Jahrhundert" widmet sich mit seinen Forschungsaktivitäten diesem Phänomen. Verbundpartner sind das Institut für Kunstgeschichte, die Hochschule Fresenius Berlin/AMD Fachbereich Design, das Deutsche Textilmuseum Krefeld, das Museum Burg Linn sowie das Hetjens – Deutsche Keramikmuseum.

Das Forschungsteam unter der Leitung von Prof. Julia Trinkert vom Institut für Kunstgeschichte untersucht anhand von fünf Teilprojekten Objekte und Kunstwerke, die Parvenüs am Niederrhein, in Hamburg und Kopenhagen erwarben oder in Auftrag gaben, aus einer kunsthistorischen und sozialwissenschaftlichen Perspektive. Dazu gehören Bau- und Umbautätigkeiten, Raumausstattungen und Bildnisse sowie Garten- und Textilkunst. Gefragt wird danach, welche Bedeutung den Objekten im sozialen Aufstieg zugeschrieben wurde und welchen Auswahlkriterien sie und die beauftragten Künstler vor dem Hintergrund von Geschmacksbildungsdiskursen innerhalb der gebildeten Stände unterlagen. Im Fokus stehen dabei konkrete Aufsteigerpersönlichkeiten und -familien, von deren künstlerischem Engagement Textquellen und materielle Hinterlassenschaften in den Sammlungen der Verbundpartner zeugen. Ziel des Verbundvorhabens ist die Genese eines Deutungsschemas, das gesellschaftliche Prozesse auch anderer Epochen anhand eines spezifischen Gebrauchs von Objekten zeigen kann. 

Breitgefächertes Veranstaltungsprogramm begleitet Forschungsprojekt

Das Verbundprojekt wird von einem umfangreichen Rahmenprogramm – auch für die breite Öffentlichkeit - begleitet. Geplant sind Workshops, Tagungen, Vorträge und Ringvorlesungen sowie Stadtrundgänge und Schulkooperationen.

Fünf Teilprojekte ergeben ein Verbundprojekt

In den fünf Teilprojekten werden die Etablierungsstrategien von Parvenüs im Norden Europas (Teilprojekt 1), der Aufstieg von Seidenverlegern am Niederrhein (Teilprojekt 2), die Entwicklung europäischer Seidengewebe (Teilprojekt 4) sowie die schriftliche Überlieferung solcher und weiterer Textilien (Teilprojekt 5) untersucht. Die Analyse der bildlichen Überlieferung von Aufsteigern und ihren Objekten bildet eine Klammer um alle Forschungsvorhaben (Teilprojekt 3).

Teilprojekt 1 erforscht die „Kunst im Wechselverhältnis zu Mobilität“ anhand des in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts lebenden Heinrich Carl von Schimmelmann, dem durch sein geschicktes Handeln und Wirtschaften der Aufstieg in den dänischen Adel gelang. Im Kontext des Phänomens gesellschaftlicher Emporkömmlinge, die ihre Zeitgenossen aller Schichten ob ihres Auftretens und ihres Erfolges in Erstaunen versetzten, soll Kunst in diesem Teilprojekt als bislang wenig beachtetes Instrument einer vertikalen sozialen Mobilität untersucht werden.

Die Familie von der Leyen steht im Teilprojekt 2 „Künstlerisches Engagement und Aufstiegspositionen einer Seidenweberdynastie in Krefeld im 18. Jahrhundert“ im Fokus der Forschung. Als mennonitische Glaubensflüchtlinge stieg die Seidenweberfamilie an die Spitze der Krefelder Gesellschaft auf und war Ende des 18. Jahrhunderts durch ihren informellen Einfluss einer der dominierenden Seidenverlegerdynastien der Stadt mit einem der vornehmsten und geschmackvollsten Häuser. Das Teilprojekt untersucht, welche Rolle und Funktion die Kunstobjekte, mit denen sich die Familie von der Leyen umgab, für die Demonstration ihres erfolgreichen Aufstiegs in die Krefelder Elite spielten und nach welchen Kriterien sie Künstler und Kunstwerke auswählten.

Grundsätzlich ist der methodische Ansatz des Teilprojekts 3 „Bildwelten der Objekte – Materielle Kultur in ihrer bildlichen Repräsentation“ an der Schnittstelle zwischen Kunst-, Bildwissenschaft und Realienkunde angesiedelt. Im Zentrum steht dabei die bildliche Repräsentation von weiblichen Parvenüs. Im Fokus der Untersuchung stehen dabei Künstlerinnen, die sich vom sozialen Korsett befreiten und ihre nonkonforme Selbstbestimmtheit mittels besonderer Bildstrategien in Selbstporträts ausdrückten. Zu untersuchen ist dabei das Verhältnis von Bildwirklichkeit und Lebenswirklichkeit der Schnellaufsteigerinnen hinsichtlich ihrer im Bild ‚sprechenden Objekte‘, wie beispielsweise ein auf einem Kleidungsstück befindlicher Hermelinbesatz, der eine Insignie der höchsten gesellschaftlichen Eliten war.

Teilprojekt 4 widmet sich mit dem Thema Seiden dem „Europäischen Seidengewebe des 18. Jahrhunderts“. Das Deutsche Textilmuseum Krefeld verfügt über eine bislang unerforschte sehr umfangreiche Sammlung europäischer Seidengewebe und seidener Kleidung des 18. Jahrhunderts, die den Geschmacks- und Modewandel der Zeit repräsentieren. Seidenstoffe galten bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts als Luxuswaren, die als Objekte der Distinktion und Selbstrepräsentation eine wichtige Rolle einnahmen. Das Teilprojekt widmet sich der Erschließung bildlicher und schriftlicher Quellen in rheinischen Archiven und Museen im Hinblick auf die Fragestellungen des Gesamtprojekts.

„Material und Alltag. Die Anzeigen des ‚Duisburger Intelligenz-Zettels‘“ wird innerhalb von Teilprojekt 5 ergründet. Intelligenzblätter – auch Intelligenzzettel genannt – sind als Informationsquelle für die Verbreitung und den Konsum von kaum erforscht. Beim ‚Duisburger Intelligenz-Zettel‘, der von 1727 bis 1744 und von 1750 bis 1805 erschien, handelt es sich um ein Anzeigenblatt, dessen Hauptinhalt sowohl Annoncen als auch verschiedene obrigkeitliche Bekanntmachungen ausmachten. Dazu gehören Diebstahlsanzeigen und Steckbriefe von Textilien und Kleidungsstücken mit zum Teil sehr detailreichen Beschreibungen. Mit der Auswertung von Diebstahls- und Verkaufsanzeigen sowie von Steckbriefen im genannten Zeitraum wird die Quellengattung der Duisburger Intelligenz-Zettel in beispielhafter Weise für eine weitere Bearbeitung durch Wissenschaftler der Konsum- und Textilforschung erschlossen. 

Bilder von oben nach unten:

  • David Martin Kanning: Schloss Wandsbek, Blick auf die Hoffassade, 1772-1778, Litographie, um 1850, Staatsarchiv Hamburg, 720-1_152-01=07_755

  • Johann Marcus David: Gottorpscher Palais, Mühlenstraße in Hamburg. Farbradierung, um 1800, Museum für Hamburgische Geschichte, Hamburg, Reproduktion nach Angela Behrens: "Das Adlige Gut Ahrensburg von 1715-1867, Gutsherrschaft und Agrarreformen, Neumünster 2006, S. 171

  • Carl Gottlob Horn: Entwurf für das Tafelzimmer auf Schloss Wandsbek, 1776, Staatsarchiv Hamburg, 720-1/152-01=07_635.001

Weitere spanndende Forschungstätigkeiten an der Philosophischen Fakultät finden Sie hier.

Autorin: Andrea Rosicki

Verantwortlichkeit: