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Auf einer Tafel gezeichneter sprechender Kopf

Modellierung maltesischer Substantiv-Plural-Klassen ohne Morpheme

Ein Forschungsprojekt des DFG-Verbundprojekts „Spoken Morphology“ aus dem Institut für Sprache und Information

Ist ein komplexes Wort eher wie eine Konstruktion aus Legosteinen, das analog dazu immer wieder zerlegt und zusammengebaut werden kann? Oder ist ein Wort eher wie ein Kuchen – bestehend aus vielen einzelnen Zutaten, aber als Endprodukt nicht wieder in seine einzelnen Bestandteile trennbar? Dieser Frage gehen Prof. Ruben van de Vijver und Dr. Jessica Nieder vom Institut für Sprache und Information sowie die Co-Autoren Enum Cohrs (HHU) und Dr. Fabian Tomaschek (Uni Tübingen) im DFG-Forschungsprojekt “Modelling Maltese noun plural classes without morphemes” anhand der Maltesischen Sprache auf den Grund. Ihre Ergebnisse haben die Forschenden in ihrem Paper „Modelling Maltese noun plural classes without morphemes“ zusammengefasst.

Lego oder Kuchen? Eine kurze Erläuterung zweier Theorien für komplexe Wörter

Der Lego-Ansatz

Die Theorie des Lego-Ansatzes geht davon aus, dass komplexe Wörter aus Morphemen bestehen, also den kleinsten definierten Worteinheiten, die Klang und Bedeutung miteinander verbinden. Durch das Anordnen und Kombinieren von Morphemen werden komplexe Wörter zu Wortformen gebildet. Beispielsweise wird aus dem englischen Wort für ‚Backen‘ – ‚to bake‘ – in der englischen Vergangenheitsform past tense ein ‚baked‘, ist also sprachtheoretisch das Ergebnis einer Kombination des Wurzelmorphems ‚bake‘ mit dem Suffix ‚-ed‘. Dadurch können relativ einfach neue komplexe Wörter erstellt werden, in dem im Gedächtnis gespeicherte Morpheme durch erlernte Prozesse und Regeln miteinander kombiniert werden.

Der Lego-Ansatz scheitert jedoch, sobald einzelne Morpheme bei komplexen Wörtern – wenn überhaupt - nur mit großen Schwierigkeiten identifiziert werden können. Dies lässt sich gut an dem englischen Verb ‚to take‘ und seinen Vergangenheitsformen veranschaulichen: ‚take‘ – ‚took‘ – ‚took‘. Hier ist phonetisch nicht mehr auszumachen, welcher Teil des Wortes die Vergangenheitsform repräsentiert. Ist die Vergangenheitsform der Vokal oder das ganze Wort? Auch innerhalb der deutschen Sprache gibt es zahlreiche Beispiele, die dieses Problem aufzeigen: so ist beispielsweise  ‚kauft‘ die Vergangenheitsform des Verbes ‚kaufen‘, das heißt die dritte Person Präsenz Singular setzt sich aus dem Stamm ‚kauf‘ plus einem ‚t‘ zusammen. Aber wie ist es bei dem Verb ‚laufen‘ und seiner Vergangenheitsform ‚läuft‘? Ist das ‚äu‘ nun Teil des Wortstammes? Oder gehört es zur dritten Person Präsenz Singular? Eine allgemeingültige Regel lässt sich dementsprechend aus dem Lego-Ansatz nicht ableiten, die attraktive Einfachheit morphembasierter Theorien hält einer kritischen Prüfung nicht stand.

Morpheme sind die kleinsten bedeutungstragenden Einheiten im Sprachsystem (Sprachsilbe). Katze, unter oder gelb sind derartige Morpheme, da man sie nicht mehr in kleinere bedeutungstragende Einheiten zerlegen kann. Andere Wörter, wie Schokoladen + plätzchen + bäcker + in oder freund + lich lassen sich hingegen noch einmal in einzelne bedeutungstragende Elemente - also Morpheme - unterteilen.1

Die Kuchen-Theorie

Morphologie ist eine sprachwissenschaftliche Ebene, in der die Zusammensetzung von Wörtern analysiert wird.2

Die kuchenbasierte Theorieperspektive betrachtet komplexe Wörter mittels wortbasierter Morphologiemodelle. Dieses Modell geht davon aus, dass komplexe Wörter ohne deren Zerlegung in einem sogenannten mentalen Lexikon gespeichert werden und das Wörter die kognitiven Einheiten innerhalb der Morphologie sind. Wörter werden hierbei beispielsweise gleichzeitig mit ihrer Bedeutung und grammatikalischen Funktion assoziiert und jedes neue Wort wird auf der Grundlage von schon bekannten Wörtern verstanden. Mit anderen Worten: Verallgemeinerungen über Formen entstehen direkt aus gespeicherten Wörtern des mentalen Lexikons. Diese Verallgemeinerungen können die Form von Analogie- oder Realisierungsregeln annehmen.

Forschungsobjekt Maltesisch

Die auf Malta gesprochene Sprache Maltesisch ist eine semitische Sprache, die viele komplexe Wörter hat, bei denen die Morphemgrenzen – wenn überhaupt – nur sehr schwer zu erkennen sind.  Ein Ergebnis des Forschungsprojektes ist veröffentlicht im Paper „Modelling Maltese noun plural classes without morphemes“, in der die Forschenden der Frage nachgehen, ob es möglich ist, die Klassifikation und Produktion des maltesischen Nomen-Plural-Systems ohne Bezug auf die Morpheme zu modellieren. Interessant ist die Sprache Maltesisch deshalb, da sie auf einem Nomen-Plural-System beruht, das mit dem bereits modellierten Nomen-Plural-System des Arabischen vergleichbar ist.

Dabei unterscheidet sich Maltesisch aber in wichtigen Details. Neben einem größtenteils semitischen Lexikon, hat es auch einen beträchtlichen sizilianischen und englischen Anteil. Darüber hinaus hat Maltesisch eine große Anzahl an konkatenativen und nicht-konkatenativen Pluralformen, also Plurale die durch Zusätze zum Singular gebildet werden, wie: „omm“ – „ommijiet“ (Mutter) bzw. Plurale die durch eine Änderung der Silbenstruktur oder der Vokalqualität im Vergleich zum Singular ausgedrückt werden, wie „fardal“ - „fraadal“ (Schürze) . Ein weiterer Grund für die Wahl der untersuchten Sprache betrifft die Rechtschreibung. Die Orthographie anderer semitischer Sprachen abstrahiert von kurzen Vokalen, wie beispielsweise im Arabischen. Dementsprechend berücksichtigt geschriebenes Arabisch keine morphologischen Informationen, die sich auf vokale Informationen auswirken. Im Gegensatz dazu ist die maltesische Orthographie vollständig vokalisiert und bietet daher eine bessere Annäherung an die gesprochene Realität in semitischen Sprachen.

Semitische Sprachen sprechen insbesondere Araber, Israelis, Aramäer, Malteser sowie mehrere Sprachgruppen in Äthiopien und Eritrea. In Europa zählt das Maltesische zu den semitischen Sprachen.3

Kurze Zusammenfassung der bisherigen Forschungsergebnisse

Die bisherigen Forschungsergebnisse unterstreichen eine offensichtliche Dichotomie im maltesischen Lexikon. Die Studie belegt zum Beispiel, dass Substantive am besten als ganze Wörter dargestellt werden und dass das Vorhandensein von Morphemen nicht zwangsläufig angenommen werden muss. Des Weiteren hat sich gezeigt, dass aufgrund von Ähnlichkeiten Verallgemeinerungen über Pluralklassen im Maltesischen erhalten werden und das maltesische konkatenative und nicht-konkatenative Pluralwörter ohne Morpheme erzeugt werden können. Ein weiteres Ergebnis ist, dass Morpheme beim Erlernen von Abstraktionen auf Maltesisch keine Rolle spielen. Die Klassifikation und Produktion des maltesischen Nomen-Plural-Systems können ohne Rückgriff auf Morpheme erfolgreich modelliert und komplexe Wörter können wie ein leckerer Kuchen als Ganzes genossen werden.

Weitere spannende Forschungstätigkeiten an der Philosophischen Fakultät finden Sie hier.

Autorin: Andrea Rosicki

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