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UNHCR Flüchtlingscamp

MeKriF – Flucht als Krise. Mediale Krisendarstellung, Medienumgang und Bewältigung durch Heranwachsende am Beispiel Flucht

Ein BMBF-Verbundprojekt aus dem Institut für Sozialwissenschaften

Wie berichten Medien über die Themen Flucht, Migration und Integration? Welche Unterschiede gibt es in der Berichterstattung zwischen den Medienangeboten für Erwachsene und denen für Heranwachsende? Diese Fragen haben Marike Bormann, PD Dr. Marco Dohle, Dr. Ole Kelm und Prof. Dr. Gerhard Vowe aus dem Institut für Sozialwissenschaften in dem vom BMBF geförderten Verbundprojekt „MeKriF – Flucht als Krise. Mediale Krisendarstellung, Medienumgang und Bewältigung durch Heranwachsende am Beispiel Flucht“ untersucht. Die Ergebnisse des Projektes sind nun als Open-Access-Publikation erschienen.

Das Projekt „Flucht als Krise“ umfasst zwei komplementäre Teilstudien. Zum einen sichtete das Forschungsteam des Instituts für Sozialwissenschaften im Rahmen einer standardisierten Inhaltsanalyse über 3000 Medienbeiträge mit migrationsspezifischer Berichterstattung aus dem Jahre 2018 aus dem Print,- TV,- Radio- und Online-Bereich. Dabei wurden sowohl die klassischen Medienangebote für Erwachsene berücksichtigt als auch solche Angebote, die sich explizit an Kinder und Jugendliche wenden.

Zum anderen untersuchte das JFF - Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, München, in einer qualitativen Teilstudie, wie sich Kinder und Jugendliche medial vermittelte Informationen zu den Themen Flucht, Migration und Integration aneigneten und wie sie mit den gesellschaftspolitischen Diskussionen und den humanitären Problemlagen von Geflüchteten umgingen.

Gemeinsamkeiten aller Medienangebote

Der Themenkomplex Flucht, Migration und Integration war im Jahre 2018 kontinuierlicher Bestandteil der untersuchten Berichterstattung. Insgesamt war die Berichterstattung dabei sehr deutschlandzentriert, nur wenige Medienbeiträge setzten sich mit den Ereignissen in den Herkunfts- und Transitländern der Geflüchteten auseinander. Ein besonderer Fokus lag auf dem unionsinternen Streit zwischen der Kanzlerin Angela Merkel und dem damaligen CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer bezüglich ihrer unterschiedlichen Haltungen zur Flüchtlingsfrage.

Der Tenor der Berichterstattung über Flucht, Migration und Integration war in nahezu in allen Medienangeboten mehrheitlich negativ. Geflüchtete wurden nicht selten mit Kriminalität in Verbindung gebracht und insgesamt häufiger als Gefahr denn als gesellschaftliche Chance bewertet. Geflüchtete selbst blieben in Bildern und Videos zumeist eine stimmlose Masse, die nur selten selbst zu Wort kam. Weibliche Geflüchtete waren in Text und Bild kaum sichtbar und spielten in der medialen Berichterstattung eine untergeordnete Rolle. Darüber hinaus gab es innerhalb der Berichterstattung auch Präferenzen bezüglich der Herkunftsländer: So wurde 2018 überaus häufig über Menschen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan berichtet.

Medienangebote unterschiedlicher Gattungen und redaktioneller Linien

Die untersuchten Radioangebote berichteten am seltensten über spezifische Probleme und Ursachen des untersuchten Themenspektrums. Auch verantwortliche Personen, Lösungsansätze und (mögliche) Konsequenzen der Zuwanderung waren selten Thema. Die von Nachrichtenaggregatoren zusammengestellten Berichte waren im Gegensatz dazu am wenigsten auf Deutschland zentriert und nannten am häufigsten die Ursachen für Probleme.

Der Tenor in Radiobeiträgen und der von Nachrichtenaggregatoren war insgesamt weniger negativ als in anderen Medienangeboten. Geflüchtete wurden in Fernsehbeiträgen häufiger auf ihrer Flucht über das Meer gezeigt, innerhalb von Printmedien oft auf öffentlichen Plätzen und auf Nachrichtenwebseiten häufiger bei Gewalttätigkeiten.

Differenzen kamen auch bei der unterschiedlichen politischen Ausrichtung von Printmedien zum Ausdruck. So unterschied sich die Berichterstattung linksliberaler und konservativer Tageszeitungen, die der Jungen Freiheit sowie die von Boulevardmedien zum Beispiel hinsichtlich ihres Fokus auf Deutschland, Kriminalität, Eruierung von Ursachen und einer Liberalisierung des Flüchtlingszuzuges. Auch die Auswahl an Akteuren wurde durch die redaktionellen Linien bestimmt, in der Jungen Freiheit kamen beispielsweise häufiger Expert*innen und AfD-Vertreter*innen zu Wort. In linksliberalen sowie konservativen Qualitätszeitungen hingegen hatten häufiger Geflüchtete selbst die Chance, sich zu äußern.

Unterschiede innerhalb der Berichterstattung für Erwachsene und Heranwachsende

Anhand der analysierten Medien stellte das Forschungsteam fest, dass Medienangebote für Heranwachsende häufiger, als dies bei Angeboten für Erwachsene der Fall war, Hintergrundinformationen zu den Themen Flucht, Migration und Integration lieferten, die zum Verständnis und zur Einordnung des politischen und gesellschaftlichen Diskurses wichtig sind. Auch die Bild- und Video-Auswahl unterschied sich zwischen den Medienangeboten für Heranwachsende und denen für Erwachsene: So waren die Bilder und Videos in Medienangeboten für Heranwachsende weniger dramatisch und Menschen auf der Flucht wurden seltener in Notsituationen gezeigt. Dagegen wurden Geflüchtete häufiger in Alltagssituationen oder im Porträt dargestellt.

Eine weitere Erkenntnis des Forschungsprojektes ist, dass in den Medienangeboten für Heranwachsende ausgewogener über Maßnahmen zur Liberalisierung und Begrenzung des Flüchtlingszuges berichtet wurde und auch Geflüchtete selbst häufiger zu Wort kamen. Auch ein Unterschied im sprachlichen Duktus fiel auf: Wurde innerhalb der Berichterstattung für Erwachsene im Laufe von 2018 immer häufiger die Bezeichnung „Migrantin“ oder „Migrant“ benutzt, war in Angeboten für Kinder und Jugendliche vermehrt die Rede von „Geflüchteten“.

Materialien für die pädagogische Praxis

In einem partizipativen Prozess mit Kindern und Jugendlichen, Medienschaffenden und pädagogischen Fachkräften hat das Verbundprojekt Materialien für die pädagogische Praxis entwickelt. Diese sollen die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zwischen 12 und 16 Jahren zu diesem Themenkomplex erleichtern. Die Materialien beziehen sich dabei auf die mediale Darstellung der Not Geflüchteter, die Rolle von Medien im gesellschaftlichen Diskurs, das Zusammenspiel von Social Media und Journalismus sowie die Beteiligung am medienvermittelten gesellschaftlichen Diskurs.

Weitere spanndende Forschungstätigkeiten an der Philosophischen Fakultät finden Sie hier.

Autorin: Andrea Rosicki

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