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Plakatausschnitt von Kultortdus

#KultOrtDUS – Düsseldorfs Medienkulturgeschichte als urbanes Forschungsfeld

Ein Citizen Science-Forschungsprojekt des Instituts für Medien- und Kulturwissenschaft

Sie war eine DER Straßen, die zwischen den späten 1960er bis in die 1970er Jahre musikalische und künstlerische Geschichte geschrieben hat. Ihr Einfluss – nicht nur auf die städtische Kultur – wirkt bis heute nach: die Ratinger Straße in Düsseldorf. Um ein breiteres und differenzierteres Bild rund um die Szenemeile herauszuarbeiten, bringt das interdisziplinäre und intergenerationelle Forschungsprojekt #KultOrtDUS – die Medienkulturgeschichte Düsseldorf als urbanes Forschungsfeld“ in enger Zusammenarbeit mit Bürgerinnen und Bürgern Ungesehenes dieser besonderen Zeit zum Vorschein. Geleitet wird das Projekt von Dr. Elfi Vomberg und Prof. Dr. Dirk Matejovski vom Institut für Medien- und Kulturwissenschaft.

Es ist eine prägende Geschichte, die sich in den späten 1960er bis in die 1970er Jahre rund um die Ratinger Straße – und im weiteren Bereich der Altstadt bis zur Königsallee –  in Düsseldorf abspielt und zwischen Schwarz-Weiß Bildern, vergilbten Eintrittskarten und geknickten Flyern bilden sich hier Mythen, die sich ganze Generationen von Künstler*innen, Musiker*innen, Literat*innen und Wissenschaftler*innen erzählen. Im legendären Ratinger Hof fliegen Tierkadaver durch den Raum und während Joseph Beuys seine Happenings präsentiert, werden die Reste des Abendessens im Restaurant Spoerri zu ganz besonderen Kunstwerken. Und es ist eine beschleunigte Geschichte, die das „Who is Who“ der Kunst- und Kulturszene in der Düsseldorfer Altstadt schreibt. Die offizielle Geschichte dieser Ära aber ist lückenhaft und erscheint bei näherer Betrachtung als ein Konstrukt aus Oral History und verklärten Erinnerungen. Ziel des Forschungsprojektes ist es, das tiefer liegende, vielschichtige und differenzierte Wahrnehmungs- und Geschichtsbild der damaligen Düsseldorfer Kulturszene zu erschließen und der Öffentlichkeit langfristig zugänglich zu machen.

Die Ratinger Straße als Epizentrum künstlerischer und (pop)kultureller Innovationen und Strömungen hatte einen Charakter, der noch bis heute sehr stark nachwirkt.

Dr. Elfi Vomberg, Projektleiterin

Seite an Seite mit Bürgerinnen und Bürgern kulturelles Zeitgeschehen erforschen

Gemeinsam mit Fans, Zeitzeug*innen sowie Akteur*innen aus der zweiten und dritten Reihe arbeitet das Forschungsprojekt #KultOrtDUS ein umfassendes Bild des kulturellen Zeitgeschehens rund um den „Mythos Ratinger Straße“ heraus. Durch die gesammelten Geschichten, Fotos und Dokumente erforschen die Wissenschaftler*innen Seite an Seite mit den Bürger*innen die Medienkulturgeschichte Düsseldorfs, legen ehemalige und aktuelle Netzwerk-Strukturen offen und erschaffen damit ein kulturhistorisches Archiv der rheinischen Metropole.

Ob Aufnahmen aus dem privaten Fotoalbum, schriftliche Aufzeichnungen oder die bloße Erinnerung an das, was rund um die Ratinger Straße erlebt wurde – alle Interessierten können mit ihrem wertvollen Wissen und Erfahrungsschatz in diesem Projekt zu Wort kommen. Von Forschungsrelevanz sind insbesondere auch die Stimmen, die sonst wenig Gehör finden, denn gerade diese ermöglichen einen essentiellen Blick hinter die Kulissen. Aber auch jüngere Generationen sind gefragt, denn ihre Eindrücke geben insbesondere das wieder, was sich heute an den (Erinnerungs-)Orten vorfindet und welche mögliche Bedeutung dies für die gegenwärtige und zukünftige Stadtidentität hat. Der intensive Austausch zwischen der wissenschaftlichen Medienkulturforschung, der Düsseldorfer Zivilgesellschaft sowie Akteur*innen verschiedener Knowledge Communities ermöglicht dabei einen interaktiven, partizipativen und generationenübergreifenden Diskurs, der nicht nur von hoher bürgerschaftlicher, sondern auch stadtidentitärer Relevanz ist.


Fünf Fragen - Fünf Antworten

Im Gespräch: Projektleiter*in Dr. Elfi Vomberg und Prof. Dr. Dirk Matejovski vom Institut für Medien- und Kulturwissenschaft

Dirk Matejovski: Zeitzeugen*innen, die davon berichten, wie es damals bei Kraftwerk, im Kunst-Akademie-Umfeld, im Ratinger Hof oder im Industrieclub der 1960er war, sind eine unverzichtbare Quelle für historische Rekonstruktionen. Doch es hat sich vermehrt gezeigt, dass durch die Zeitzeugin bzw. den Zeitzeugen als mediale Figur Narrationen und Bilder auch immer wieder auf dieselbe Weise rekonstruiert und nacherzählt werden. Zeitzeug*innen berichten immer im Lichte der Gegenwart und ihre Erzählungen werden oft mythisierend und apologetisch beschrieben und gedeutet.

Elfi Vomberg: Und #KultOrtDUS möchte genau an dieser Problemstelle der Erinnerungskultur ansetzen. Wir haben bereits einige qualitative Interviews mit Bürger*innen durchführen können, die mitten im Geschehen steckten und diverse Blickwinkel und Stimmen mitbringen, die bislang nur wenig Aufmerksamkeit gefunden haben. Ergänzt durch Akteur*innen und Expert*innen, die auf anderen Ebenen (sowohl vor als auch hinter den Kulissen) involviert waren und sind, entsteht ein besonderer wechselseitiger Austausch, der neue Perspektiven der Erinnerungskultur aufmacht.

Elfi Vomberg: Diese und noch einige weitere Orte sind für die Geschichte und das aktuelle Profil der Stadt sehr relevant, denn: wenn sie nicht nur als isolierte, einzelne Orte des Geschehens betrachtet werden, zeigen sich gerade auch “zwischen” den Orten nach und nach Netzwerkbeziehungen sowie kulturelle Geflechte und soziale Interaktionsprozesse, die nicht nur erste Anknüpfungs-, sondern zugleich konkrete Ausgangspunkte bilden, um spezifische Charakteristika der regionalen und urbanen (historischen) (Kultur)räume Düsseldorfs aufzudecken und zu analysieren.

Dirk Matejovski: Obwohl der Begriff der ,Subkultur‘ hier etwas angestaubt klingt, wäre hier natürlich der „Salon des Amateurs“ zu nennen. Wichtig ist dabei, dass dieser Club eben mehr als ein bloßer Club ist, sondern Knotenpunkt in einer Netzwerkstruktur von DJs, Musiker*innen, Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und „Szenepublikum“.

Elfi Vomberg: Die Ratinger Straße als Epizentrum künstlerischer und (pop)kultureller Innovationen und Strömungen hatte einen Charakter, der noch bis heute sehr stark nachwirkt. Durch die ersten Interviews hat sich vor allem unsere Annahme besonders bestätigt, dass die Ratinger Straße bzw. die Düsseldorfer Altstadt nicht nur das eine Gesicht hat, sondern in ihrer Komplexität sehr differenziert erforscht und betrachtet werden muss. In der doch relativ kurzen Zeitspanne von den späten 60ern bis in die 70er hat die Altstadt nicht nur eine einfache, lineare Entwicklung durchlaufen, sondern gleichzeitig zum Teil auch sehr Unterschiedliches ausgestrahlt - sei es in der Wahrnehmung als „Melting Pot”, als „raues Pflaster” oder als „Klein-Paris”. In den weiteren Forschungsschritten geht es nun v.a. darum genauer zu schauen, wie die Perspektiven der verschiedenen Szenen diese Bilder geprägt und hervorgebracht haben. Auch die differenzierte Analyse der einzelnen Szenen und ihr Agieren untereinander ist hiervon von wichtiger Bedeutung.

Elfi Vomberg: Ich entdecke gerade erst, seit ich hier in Düsseldorf arbeite, die Ratinger Straße – und bekomme damit natürlich ein ganz anderes Bild von dieser „Mythenmeile“. Für mich sind daher die Interviews mit unseren Zeitzeug*innen sehr spannende Einblicke in eine Zeit, die ich sonst nur aus den Geschichtsbüchern kenne. Hier eine neue Lesart – mit neuen Blickwinkeln, Perspektiven und Emotionen – zu bekommen, bietet für mich natürlich ein interessantes Forschungsfeld.

Am „Salon des Amateurs“, dem immer nachgesagt wird er habe ähnlich mythologisches Potenzial wie der Ratinger Hof, beobachte ich aber interessiert, wie auch neue Erinnerungsorte im städtischen (Kultur-)Raum von einer spezifischen Community produziert werden.


Projektbegleitende Veranstaltungen:

Bisher fanden bereits Archiv-Workshops sowie der Kongress „Places to POP. Urbane Netzwerke als Katalysator künstlerischer Innovation. Citizen Science meets #KultOrtDUS“ statt. Eine Plakatausstellung mit aufgearbeitetem Archivmaterial der Mitsubishi Electric Hall (ehem. Philipshalle) ist für den Sommer 2022 geplant.

Weitere Informationen:

 

Das Forschungsprojekt wird im Rahmen der Bürgeruniversität der Heinrich-Heine-Universität gefördert.

 

Weitere spannende Forschungstätigkeiten an der Philosophischen Fakultät finden Sie hier.

Autorin: Andrea Rosicki

Verantwortlichkeit: