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Rückansicht eines Mannes mit Kippa auf einer Straße

Wie nehmen in Deutschland lebende Jüdinnen und Juden islamistischen Antisemitismus wahr und welche Konsequenzen ziehen sie daraus?

Ein BMBF-Forschungsprojekt aus dem Institut für Sozialwissenschaften

Propagandadelikte, Hassmails, Friedhofsschändungen, körperliche Gewalt - die Zahl antisemitischer gemeldeter Straftaten dieser Art steigt stetig, die Dunkelziffer dürfte hoch sein. Doch nicht allein aus dem Spektrum rechter Gesinnungen erfolgen strafbare Handlungen, vermehrt werden sie auch von Anhänger*innen des politisch-islamistischen Antisemitismus begangen. Welche Bedeutung hat dies für die in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden? Welche Konsequenzen ziehen sie daraus? Diesen Fragen geht das vom BMBF geförderte Forschungsprojekt „Auswirkungen des radikalen Islam auf jüdisches Leben in Deutschland (ArendDt)“ unter der Leitung von Prof. Dr. Heiko Beyer und Dr. Melanie Reddig aus dem Institut für Sozialwissenschaften nach.

Antisemitismus spielt in der Ideologie des radikalen Islam eine zentrale Rolle. Wichtigster Adressat dabei ist der Staat Israel, doch auch in Deutschland ist durch aktive islamistische Organisationen das Bedrohungspotenzial durch islamistischen Antisemitismus für in Deutschland lebende Jüdinnen und Juden gestiegen. Das auf vier Jahre angelegte Forschungsprojekt untersucht, ob und in welcher Weise der radikale Islam eine Mitverantwortung für gestiegene Diskriminierungserfahrungen, Bedrohungswahrnehmungen und Emigrationsabsichten sowie für andere Handlungsintentionen in Deutschland lebender Jüdinnen und Juden trägt.

Forschungsprojekt schließt bisherige Forschungslücken

Bisherige Studien zeigen bereits, in welchem Umfang in Deutschland lebende Jüdinnen und Juden in den vergangene Jahren Opfer des islamistischen Antisemitismus geworden sind, sich durch dessen wahrgenommenen Einfluss bedroht fühlen sowie aufgrund ihrer Bedrohungswahrnehmung und -erfahrung über persönliche Reaktionen, wie beispielsweise Emigration nachgedacht haben. Diese Studien bilden eine wichtige Erkenntnisgrundlage, weisen jedoch auch einige Forschungslücken auf, die Beyer und Reddig mit ihrem Projekt zu schließen gedenken. So gehen sie insbesondere der Erforschung der erlebten Bedrohung durch den islamistischen Antisemitismus nach, möchten langfristige Trends abschätzen sowie regionale Unterschiede, z.B. die Diskrepanz zwischen Stadt und Land oder auch Varianzen bei den Bundesländern, erforschen. Vor allem gehen sie auch der theoretischen Erklärung des Phänomens nach. Nahezu unerforscht ist bislang, worin sich Personen, die eine starke antisemitische Bedrohung wahrnehmen und z.B. Emigrationsabsichten äußern, von denen unterscheiden, die dies nicht tun, also die Erforschung des Zusammenhangs zwischen der Bedrohungswahrnehmung und den daraus resultierenden Handlungsintentionen.

Unsere Studie ist im streng methodischen Sinne nicht ‚repräsentativ‘, aber repräsentativer als alles, was wir bisher haben.

Prof. Dr. Heiko Beyer, einer der beiden Forschungsprojektleitenden

Quantitative und qualitative Teilstudien als Mixed-Method-Design

Die bislang rein quantitativen Studien haben deutlich gemacht, dass standardisierte Befragungen der Erforschung von Bedrohungswahrnehmungen, -erfahrungen und -reaktionen nicht ganz gerecht werden. So fehlen Erkenntnisse darüber, wie die Befragten die ideologischen Orientierungen und Motive von antisemitischen Täterinnen und Tätern bestimmen und welche komplexen Handlungen und Emotionen daraus folgen. Um diesen auf den Grund zu gehen, ist das sozialwissenschaftliche Forschungsprojekt als Mixed-Method-Design geplant: Beyers Teilprojekt befragt rund 2200 per mehrstufigem Zufallsverfahren ermittelte religiöse und säkulare Jüdinnen und Juden mittels einer standardisierten Onlinebefragung, in Reddigs qualitativen Teil werden 36 Jüdinnen und Juden, die sich in den vergangenen fünf Jahren als Opfer antisemitischer Übergriffe aller extremistischer Gruppen erlebt haben, mündlich interviewt. Erste Teilergebnisse erwarten die beiden Forschenden im Sommer 2022. Zum Ende des Projektes im September 2024 können sich auch interessierte Bürger*innen im Rahmen von öffentlichen Vorträgen im Haus der Universität über die Forschungsergebnisse informieren. Die Umsetzung der Ergebnisse des Projekts soll in enger Zusammenarbeit mit dem Praxispartner Netzwerk für Demokratie und Courage e.V. erfolgen.

Fünf Fragen - Fünf Antworten

Im Gespräch: Prof. Dr. Heiko Beyer und Dr. Melanie Reddig, die beiden Projektleitenden

Wir verwenden den Begriff „radikaler Islam“ mehr oder weniger synonym mit dem Begriff „politischer Islam“. Der „politische Islam“ ist eine moderne Ideologie, die circa Mitte des 20. Jahrhunderts entsteht und bei der religiöse Inhalte politisiert werden und gleichzeitig politische Grundsätze aus religiösen Prinzipien abgeleitet werden. Der politische Islam sieht den Islam und die Gemeinschaft aller Muslime von Modernisierung und der westlichen Lebensweise bedroht, wobei insbesondere die USA und Israel, aber eben auch die Juden im Allgemeinen, für die wahrgenommene Krise des Islam verantwortlich gemacht werden.  

Es gibt Daten, wie zum Beispiel die Umfragen der Fundamental Rights Agency, die wir ausgewertet haben und die zeigen, dass es in unterschiedlichen Ländern unterschiedliche Bedrohungspotentiale für Jüdinnen und Juden gibt. In Ländern wie Polen oder Ungarn sind es zum Beispiel vor allem rechte Gruppen und in Frankreich und Belgien radikale Muslime von denen antisemitische Gewalt laut Aussage der befragten Jüdinnen und Juden ausgeht. In Deutschland werden im Europäischen Vergleich auch deshalb mit die meisten antisemitischen Straftaten berichtet, weil hier beide Tätergruppen aktiv sind.  

Wir wollen zum einen die Verbreitung der antisemitischen Bedrohung im innerdeutschen Vergleich untersuchen – dafür braucht man quantitative Erhebungs- und Auswertungsmethoden. Und wir möchten aber zum anderen auch wissen, wie Jüdinnen und Juden vor dem Hintergrund innerjüdischer Debatten und der gesellschaftlichen Situation in Deutschland Antisemitismus deuten, damit umgehen und darauf reagieren. Für solche Fragestellungen sind dann qualitative Methoden die bessere Wahl.  

Das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES) hilft uns vor allem dabei, auch eher säkulare Jüdinnen und Juden für die Befragungen zu finden. Aber wir werden mit unseren Ansprechpartnern bei ELES auch unseren allgemeinen Feldzugang und den Fragebogen sowie den Leitfaden für die qualitativen Interviews besprechen. Zu Projektende werden wir gemeinsame Workshops organisieren und den ELES-Stipendiat*innen anbieten.

Das Netzwerk für Demokratie und Courage wiederum wird die Ergebnisse in Programme und Methoden der politischen Bildung übersetzen. Unser Ziel ist es, über die verschiedenen Formen des Antisemitismus vor allem in den Schulen aufzuklären, sodass hier kompetent Strategien entwickelt werden können, judenfeindlichen Vorurteilen und Übergriffen entgegen zu wirken.

Bei der standardisierten Befragung wenden wir ein zweistufiges Zufallsverfahren an, bei dem sowohl die regionalen jüdischen Gemeinden als auch die zu befragenden Mitglieder dieser Gemeinden zufällig ausgewählt werden. Die erwähnte ELES-Stichprobe ergänzt diese Gemeinde-Stichprobe. Die qualitative Untersuchung wird aus insgesamt 36 problemzentrierten Interviews bestehen, wobei drei aufeinander aufbauende Erhebungswellen geplant sind. Hier geht es weniger um die regionale Varianz als um die Varianz der Deutungsmuster der Befragten.

Praxispartner des Projekts

Netzwerk für Demokratie und Courage e.V.:
Das Netzwerk für Demokratie und Courage (NDC) besteht aus einer länderübergreifenden Netzwerkstruktur, die sich über 12 Bundesländer erstreckt. Die Aufgabenfelder des NDC liegen in der Jugend- und Erwachsenenbildung. Dort werden die Ergebnisse des Projektes für Zwecke der politischen Bildung eingesetzt und sowohl in bestehende Angebote integriert als auch in die Konzeption neuer Inhalte einbezogen.

Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk e.V.:
Das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES) ist das Begabtenförderungswerk der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. ELES steht dem Projekt in allen Projektphasen beratend zur Seite und wird zunächst vor allem beim Feldzugang behilflich sein. Am Ende des Projektes wird ELES dabei mitwirken, die Ergebnisse innerhalb der jüdischen Community zu verbreiten. Dafür sind unter anderem auch gemeinsame Workshops und Vorträge vorgesehen.

Bild im Text: Neue Synagoge in Düsseldorf Golzheim via Wikimedia Commons

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Autorin: Andrea Rosicki

Verantwortlichkeit: