Zum Inhalt springenZur Suche springen
Büste von Johann Wolfgang von Goethe

Gottes herrlich Ebenbild. Der Körper im Werk Goethes.

Eine Forschungsarbeit von PD Dr. Sonja Klein aus dem Institut für Germanistik

PD Dr. Sonja Klein fokussiert in ihrer abgeschlossenen Habilitation den Körper in Goethes Werk und zeigt, dass dieser von den frühesten bis zu den letzten, den literarischen wie den naturwissenschaftlichen Arbeiten, ein konstantes ästhetisches Motiv bildet. Klein beleuchtet anhand von Einzelstudien unterschiedliche Körperkonzeptionen, die am Ende jedoch alle zu Goethes vielleicht wichtigstem (Lebens-)Anliegen führen und zugleich in unserer durch ökologische Fragen bestimmten Gegenwart eine noch einmal gesteigerte Aktualität entwickeln: Die um 1800 entstehende Kluft zwischen dem Menschen und einer zum wissenschaftlichen Objekt gewordenen und damit (vermeintlich) beherrschbaren Natur zu überbrücken und vor den zerstörerischen Konsequenzen eines solchen Naturverständnisses zu warnen.

Die Habilitationsschrift wurde von der Gesellschaft von Freunden und Förderern der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf e.V. (GFFU) ausgezeichnet.

Johann Wolfgang von Goethe war zeit seines Lebens vom Körper in seiner äußeren wie inneren Erscheinung fasziniert. Bereits aus den frühen Leipziger Studientagen datiert ein gesteigertes Interesse Goethes für den Bau des menschlichen Körpers, das ihn bald zu der Lektüre anatomischer Schriften anregt. Nachdem er in Straßburg anatomische Vorlesungen besucht und vermutlich sogar erste eigene Sektionen vorgenommen hatte, schließen sich hieran ab den 1780er Jahren private Anatomiestunden bei dem Jenaer Professor Justus Christian Loder an. Es scheint sogar, als habe Goethe es im Laufe der Zeit und unter der sachkundigen Anleitung Loders in der Anatomie zu einiger Meisterschaft gebracht. Als Naturforscher führt ihn die Anatomie unter anderem zu der (Wieder-)Entdeckung des menschlichen Zwischenkieferknochens und als Künstler lehrt sie ihn, zur „Richtigkeit des Umrisses und zur Schönheit in den Formen“1 in der Darstellung zu gelangen.

Kunst und Natur sind für Goethe Spielarten derselben Wissenschaft

Neben dem Körperinneren studiert Goethe bereits früh auch dessen äußere Erscheinung. An der Seite Johann Kaspar Lavaters befasst er sich verstärkt mit der Physiognomie, an der sich vermeintlich die Charakterzüge eines Menschen ablesen lassen. Spätestens während seiner Reisen durch Italien wird diese Betrachtung des Körpers vertieft, indem sich Goethes an der Oberfläche der antiken Statuen geschulter Blick mit dem bereits erworbenen medizinischen Fachwissen um das menschliche Innenleben vermischt. Bildung und Nachbildung, marmorne Form und fleischliches Innenleben, Kunst und Natur werden hier als Spielarten derselben Wissenschaft vom Menschen verstanden und miteinander verbunden.

Auch in seinen literarischen Arbeiten bleibt der Körper für Goethe immer zentral. Beispielsweise gestaltet er schon in seinem ersten Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ die Selbstmordszene Werthers mit einer physisch detaillierten Ausführlich- wie Deutlichkeit, die seine Zeitgenossen ebenso faszinierte wie schockierte. Ebenso fokussieren die „Wahlverwandtschaften“ mit ihrer zentralen Figur der Ottilie den Körper, indem Ottilie zuerst als sukzessiv schwindender Körper (Anorexie) und zuletzt als konservierter toter Kunst-Körper schneewittchengleich im Glassarg erscheint. Und auch Goethes letzter Roman „Wilhelm Meisters Wanderjahre oder die Entsagenden“ stellt den nackten Körper von Wilhelm Meisters Sohn Felix als „Gottes herrlich Ebenbild“2 in sein Schlussbild, der als idealschöner Menschenkörper den lebendigen Einspruch gegen die auf den vorhergehenden Seiten gründlich entzauberten Landschaften der Moderne darstellt.

Der Mensch und sein Körper sind ein wesentlicher Teil der Natur

Goethes spätere naturwissenschaftliche Studien versuchen einer sich immer weiter vom Menschen und seinem natürlichen Sensorium entfernenden Forschung entgegenzuwirken. Besonders mit seiner „Farbenlehre“ stellt sich Goethe mit der Fokussierung des (sonnenhaften) Auges, der physiologischen Farben und der Betonung der Persönlichkeit des Forschers deutlich gegen die Tendenzen seiner Zeit. Während seine Zeitgenossen sich zunehmend auf optische Apparaturen und technische Experimente verlassen, versucht Goethe den menschlichen Körper als einziges Mittel und den Schauplatz wahrer Erkenntnis zu re-etablieren. Seine Farbenlehre ist ebenso wie seine literarischen Werke als ein Plädoyer für eine Rückkehr zum Menschen und seinem Körper zu lesen, der vom anatomischen Objekt der Forschung wieder zum erkennenden Subjekt werden muss.

Goethe ist dabei alles andere als ein konservativer Wissenschaftler. Ganz im Gegenteil zeigt er sich immer auf der Höhe seiner Zeit. Bis zu seinem Tod forscht, liest, schreibt er, verfolgt alle wichtigen Veröffentlichungen zu Fragen der Naturwissenschaften wie Kunst und mischt sich mit Leidenschaft wie Fachkenntnis in die aktuellen Diskussionen ein. Wie seine berühmte Figur Faust will auch Goethe  erforschen, „was die Welt / Im Innersten zusammenhält“3, im Gegensatz zu Faust ist ihm jedoch bewusst, dass Wissbegierde und Forschergeist gewisse Grenzen nicht überschreiten dürfen, wenn sie die Natur, die sie ergründen möchten, nicht zerstören wollen. Während seiner gesamten Schaffenszeit weist er auf unterschiedliche Weise immer wieder darauf hin, dass der Mensch und der menschliche Körper ein wesentlicher Teil der Natur sind, und der Mensch im Grunde seine eigene Zerstörung einleitet, sobald er sie als rein wissenschaftliches Objekt versucht zu analysieren. Dieses zerbrechliche Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt hat Goethe lebenslang beschäftigt und innerhalb seines Werks von Beginn an und bis zu seinen letzten Schriften im Bild des menschlichen Körpers gestaltet.

Goethes Naturverständnis ist für die Gegenwart hochaktuell

Goethe geht es damit also um nicht weniger, als die um 1800 entstehende Kluft zwischen dem Menschen und einer zum wissenschaftlichen Untersuchungsgegenstand gewordenen und damit (vermeintlich) beherrschbaren Natur zu überbrücken und vor den Konsequenzen eines solchen Naturverständnisses zu warnen. Das ist ganz erstaunlich auf gleich zweierlei Weise: einerseits, weil diese Position in der Epoche der Aufklärung entsteht, also einer Zeit des so noch nie dagewesenen rasanten Wissenszuwachses und nahezu entfesselten Wissenschafts- und Fortschrittsoptimismus. Und erstaunlich anderseits, weil Goethe mit seinen Warnungen auf eine Weise schon voraussieht, mit welchen vornehmlich ökologischen Problemen unsere Gegenwart heute konfrontiert ist. Gerade in und an seinem Körperbild zeigt sich also, wie aktuell Goethe mit seinem Plädoyer für eine im besten Sinne gemeinte Humanwissenschaft noch immer und gerade für die gegenwärtige Zeit und ihre vordringlichen Probleme sein kann.


Literaturnachweis:

1Goethes Werke. Weimarer Ausgabe, hg. im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen. 143 Bde., Weimar 1887–1919 [Nachdruck: München 1987], Abt. I, Bd. 47, S. 249f.
2Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Frankfurter Ausgabe, hg. v. Friedmar Apel u. a., 40 Bde., Frankfurt am Main 1985–1999, Abt. I, Bd. 10, S. 745.
3Ebd., Bd. 7.1, S. 34.



 


Bild im Slider: Kunsthalle Hamburg via Pixabay.

Weitere spannende Forschungstätigkeiten an der Philosophischen Fakultät finden Sie hier.

Autorin: Andrea Rosicki

Verantwortlichkeit: