Nach seiner langjährigen Tätigkeit als Professor für Kunstgeschichte scheidet Jürgen Wiener aus dem Dienst.
Nach einer Ausbildung als Schreiner und dem Zivildienst studierte Jürgen Wiener seit dem Wintersemester 1982/83 an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg Kunstgeschichte, Archäologie, Mittelalterliche Geschichte und Volkskunde. Während des Magisterstudiums war er einer der Konzeptoren und Organisatoren des Kulturprogramms des Autonomen Kulturzentrums Würzburg mit Schwerpunkt auf Musikavantgarden. Der Magisterstudium schloss er 1987, das anschließende Promotionsstudiums 1989 ab. Thema der Dissertation war die Bauskulptur von S. Francesco von Assisi. Im Zentrum der stilgeschichtlich angelegten Arbeit standen zum einen Fragen des Kulturtransfers gotischer Architektur und Skulptur aus dem Großraum Paris zur Grabeskirche des Hl. Franziskus nach der Neuausrichtung seiner Gemeinschaft als ordo studens und zum anderen das Entstehen einer darauf basierenden eigenständigen regionalen Kunstproduktion. Diese verband die Adaptionen transalpiner Gotik mit der Gotikrezeption in Mittel- und Süditalien. Methodische Basis in qualitativer und quantitativer Perspektive war die umfassende, durch ein umfangreiches Bildarchiv gestützte Werkkenntnis gotischer Architektur, Skulptur und Bauornamentik im Gebiet des Königs von Frankreich sowie in Mittelitalien und Neapel.
Die Auseinandersetzung mit den Zusammenhängen zwischen nord- und südalpiner Gotik bestimmten weiterhin das Forschungsinteresse von Jürgen Wiener, nachdem er zum Sommersemester 1990 eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Heinrich-Heine-Universität angetreten hatte. Seit 1991 wurde er zum Akademischen Rat ernannt (dann Oberrat und seit 2004 Akademischer Direktor). Zunächst mit Prof. Joachim Poeschke und dann vor allem mit Prof. Hans Körner und ab 2001 auch mit Prof. Andrea von Hülsen-Esch war er wesentlich am Auf- und Ausbau des mit Hilfe der Gerda-Henkel-Stiftung neu gegründeten Seminars (später Instituts) für Kunstgeschichte beteiligt. Zugleich arbeitete er bis 2002 an seiner Habilitationsschrift zum Dom von Orvieto. In ihr verbindet er im Sinne eines new materialism Fragen um ein Produktionskollektiv und seine finanziellen Ressourcen und Materialien/Gewerke sowohl mit den politischen Ambitionen einer Stadt als Kommune und Papstresidenz als auch mit der deskriptiv analysierten Rolle eines überragenden entwerfenden Autors, ohne also die „Überleitung zur Form“ (Martin Warnke) nur als Überbaueffekt materieller Bedingungen zu begreifen. Der Standort Düsseldorf und die Lehre (davon 2003/04 drei Semester an der Universität zu Köln als Lehrstuhlvertreter), bei der er die für seine Forschung typische Autopsie der Bauten und Artefakte auch den Studierenden beispielsweise in über 100 Exkursionen vermittelte, waren der Grund, weshalb er sich zunehmend der Frühen Neuzeit vor allem im Bereich der Gartenkunst (im Zusammenhang mit dem Museum für Gartenkunst in Benrath) und der regionalen Moderne zuwandte. Dabei fokussierte er vor allem die Sakralkunst und die Kunstausbildung. Seit 2000 hat er – oft in Kooperation mit Hans Körner – Projekte vor allem zur modernen Sakralkunst entwickelt, in die Studierende bis hin zu Ausstellungen, Tagungen und Publikationen involviert sind. Institutionell zog sein regionalistischer Ansatz die Mitgliedschaft im Arbeitskreis Moderne im Rheinland e.V. und in der länderübergreifenden Niederrhein-Akademie Academie Nederrijn (NAAN) sowie die Mitarbeit bei den großen LVR-Projekten 1914 Mitten in Europa. Das Rheinland und der Erste Weltkrieg und Bauhaus 100 und die Mitarbeit am beantragten Graduiertenkolleg zur Bonner Republik nach sich. Er ist Mitglied des interdisziplinären Forschungsinstituts für Mittelalter und Renaissance (FIMUR), für das er mehrere Ringvorlesungen konzipiert, organisiert und publiziert hat (u.a. Der Wert der Arbeit und Altersphantasien). Die Ortbezogenheit seiner Forschungen hieß auch, das er die Architektur der Heinrich-Heine-Universität in Büchern, Aufsätzen und Führungen erklärt und für ihre Akzeptanz geworben hat. Viele Jahre leitete er den Teilbereich Architektur der Enzyklopädie der Neuzeit.
2006 wurde er zum außerplanmäßigen Professor ernannt. Etwa seit derselben Zeit brachte er zehn Jahre lang seine Expertise aus der Habilitation und Gartenkunst in die Vorbereitung und Durchführung des Graduiertenkollegs Materialität und Produktion ein. Zuletzt hat er sich dem Zusammenhang von Bildender Kunst und dem Free Jazz, für den er sich seit 50 Jahren interessiert, wissenschaftlich gewidmet. In allen seinen wissenschaftlichen Tätigkeitsbereichen hat die Fotokamera seine Aktivitäten begleitet und bedingt und damit den Aufbau eines eigenen Fotoarchivs mit über 200.000 Bildern ermöglicht.
Jürgen Wiener hat sich auch auf der Ebene der universitären Selbstverwaltung engagiert. Viele Jahre war er Mitglied in Habilitationsausschusses, hat Berufungs- und Habilitationsverfahren geleitet, war zweimal Geschäftsführer und Mitglied im Fakultätsrat, war an der Konzeption der gestuften Studiengänge im Fach Kunstgeschichte und an den Reakkretierungen beteiligt, war Studiengangsbeauftragter (inkl. Fachstudienberatung).
Jürgen Wiener wird auch nach der Pensionierung einen Teilprojekt eines von der DFG geförderten Projekts zur Große[n] Ausstellung Düsseldorf 1926 für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen (GeSoLei) noch bis Herbst 2028 leiten, zu dem parallel auch eine Ausstellung im Stadtmuseum stattfinden wird, und dazu Tagungen veranstalten und Bücher publizieren. Er hat vor, auch weiterhin Lehrveranstaltungen anzubieten und endlich auch diejenigen Reisen machen zu können, die in den vielen Jahren an der Heinrich-Heine-Universität zu kurz gekommen sind. Die Kamera immer im Gepäck.