18.11.2020 08:40

Wissenschaftlicher Förderpreis des Kasseler Demokratie-Impuls für „Kritische Analyse der Dynamiken im Erinnern an den NSU-Komplex“ von Rebekka Bonacker, Adriana Fink und Mara Teutsch

Im Rahmen eines sozialwissenschaftlichen Teamprojekts (Master) setzten sich Rebekka Bonacker, Adriana Fink sowie Mara Teutsch mit dem gesellschaftlichen und staatlichen Gedenken an den NSU-Komplex und dessen Opfer auseinander. Betreut wurde die Arbeit von Dr. Ulf Tranow aus dem Institut für Sozialwissenschaften, Abteilung Soziologie.

Die drei Preisträgerinnen Rebekka Bonacker, Adriana Fink und MaraTeutsch. Bilder: privat

Die Morde und Anschläge des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) sind die größte bekanntgewordene, rechtsextreme Terrorserie in der Geschichte der BRD. Die juristische sowie politische Aufklärung konzentrierte sich auf das Kerntrio des NSU und konnte Fragen nach seinem Unterstützungsnetzwerk und der Rolle der Sicherheitsbehörden nicht vollständig aufklären. Rebekka Bonacker, Adriana Fink sowie Mara Teutsch widmeten sich in ihrer „Kritische[n] Analyse der Dynamiken im Erinnern an den NSU-Komplex“ einem vor diesem Hintergrund wichtigen Aspekt der komplexen Akteurs- und Handlungsebenen: Wie wird öffentlich an den NSU-Komplex und seine Opfer gedacht?

Gestützt von Experten- und Expertinnen-Interviews untersucht ihre Arbeit Akteure, Dynamiken und Konflikte sowie die Sichtbarkeit der Betroffenen im Gedenken. Die Wissenschaftlerinnen führten dazu Interviews mit Barbara John, Ombudsfrau der Bundesregierung für die Hinterbliebenen der Opfer des Nationalsozialistischen Untergrundes sowie mit den Mitbegründern des Aktionsbündnisses „NSU-Komplex auflösen“, Kutlu Yurtseven und Ibrahim Arslan. Das Buch „Die haben gedacht, wir waren das: MigrantInnen über rechten Terror und Rassismus“ der Herausgeber*innen Kemal Bozay, Bahar Aslan, Orhan Mangitay und Funda Özfirat habe ihr Forschungsinteresse geweckt, so die Studentin Rebekka Bonacker. In ihrem Sammelband legen die Autor*innen die Auswirkungen des NSU-Terrors und rassistischer Gewalt aus migrantischer Perspektive dar, so Bonacker weiter.

Staatliche Anerkennung der Opfer findet zwar statt, verfehlt aber häufig die Wünsche der Opferangehörigen

Die nun von der Stadt Kassel ausgezeichnete wissenschaftliche Analyse zeigt, dass sowohl zivilgesellschaftliche Initiativen und Einzelpersonen als auch staatliche Vertreter*innen im Gedenken an die Opfer des NSU aktiv werden. Ihre Interessen und Vorstellungen darüber, wie dieses Gedenken gestaltet werden sollte, divergieren jedoch teilweise stark. In Köln führt dies etwa dazu, dass bislang kein Denkmal für die Opfer des NSU errichtet worden ist, während in allen anderen Tatortstädten wie auch in weiteren Orten staatliche bzw. städtische Gedenkstätten bereits geschaffen wurden. Der Forschungsbericht der drei Wissenschaftlerinnen zeigt dabei Strukturen und Mechanismen der Ausschließung auf. Diskutiert werden von den Akteuren vor allem die Sichtbarkeit sowie die Stellung der Betroffenen im Gedenken. Eine Anerkennung der Opfer von Seiten des Staates findet zwar nach 2011 vereinzelt statt, verfehlt dabei jedoch häufig die Wünsche und Forderungen der Opferangehörigen und räumt diesen keine Mitgestaltungsmöglichkeiten ein. Die Autorinnen kommen in ihrer Analyse außerdem zu dem Ergebnis, dass sich vor allem zivilgesellschaftliche Initiativen mit Betroffenen rechter Gewalt solidarisieren und deren Geschichten explizit in den Mittelpunkt ihrer Erinnerungsarbeit stellen. Ein Forschungsergebnis ist damit, dass das Erinnern an den NSU-Komplex von einer starken Spaltung zwischen den beteiligten Akteuren geprägt und einer Tendenz zur gesellschaftlichen Indifferenz ausgesetzt ist.

Die Auszeichnung ihres Forschungsberichtes zeige, dass eine multiperspektivische, rassismuskritische Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex im wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Kontext Beachtung erfährt, so Adriana Fink. „Die Realität der praktischen Erinnerungsarbeit macht hingegen deutlich, dass die Stimmen und Forderungen der Betroffenen und deren Angehörigen häufig nicht gehört und ernst genommen werden – auch von Städten wie Kassel",  betont ihre Kommilitonin Mara Teutsch.


Förderpreis "Kasseler Demokratie-Impuls

Der wissenschaftliche Förderpreis des „Kasseler Demokratie-Impuls“ der Stadt Kassel hat neben der Anerkennung wissenschaftlicher Leistungen auch das Ziel, gesellschaftliche Impulse zu setzen, indem er wissenschaftliche Arbeiten zu den Themen Rechtsextremismus, Rassismus, politisch motivierter Gewalt und Antisemitismus würdigt.

Die Auszeichnung wird in Gedenken an die Opfer des NSU verliehen:

Enver Şimşek - Abdurrahim Özüdoğru - Süleyman Taşköprü - Habil Kılıç - Mehmet Turgut - İsmail Yaşar - Theodoros Boulgarides - Mehmet Kubaşık - Halit Yozgat - Michèle Kiesewetter.


Zu den Personen

Rebekka Bonacker, Adriana Fink und Mara Teutsch sind Studentinnen des M.A. Sozialwissenschaften an der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf. Die ausgezeichnete wissenschaftliche Arbeit wurde im Rahmen eines studienintegrierten einjährigen Forschungsprojekts verfasst.

Rebekka Bonacker studierte Soziologie und Kultur- und Sozialanthropologie in Münster, Bordeaux und Mailand. Zu ihren Forschungsinteressen gehören die Entwicklungen rechter und rassistischer Dynamiken in der Migrationsgesellschaft und die angewandte Diskurstheorie. Sie engagierte sich in verschiedenen Projekten im Bereich der Bildungsgerechtigkeit. (rebekka.bonacker@hhu.de)

Adriana Fink studierte Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. Ihre Forschungsinteressen liegen in der Arbeits- und Bildungssoziologie sowie in Theorien zur  Interkulturalität, künstliche Intelligenz und Friedensforschung. Neben ihrem Studium arbeitet sie seit drei Jahren mit verschiedenen Bildungsinstituten zusammen und unterstützt dort unter anderem Geflüchtete im Bewerbungsprozess für verschiedene Ausbildungsberufe. (adfin100@uni-duesseldorf.de)

Mara Teutsch studierte in Bonn Soziologie, Politikwissenschaft und Rechtswissenschaft. Ihre Forschungsinteressen liegen in deutscher Migrationsgeschichte sowie in Strukturen sozialer Ungleichheit aus intersektionaler, rassismuskritischer und postkolonialer Perspektive. Sie ist seit vielen Jahren politisch engagiert und setzt sich unter anderem für eine Verbesserung von  Bildungschancen von Geflüchteten ein. (mara.teutsch@hhu.de)

Verantwortlich für den Inhalt: E-Mail sendenDekan der Philosophischen Fakultät