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Verschiedene Comicbücher

Bang! Boom! - Das Comicforschungsnetzwerk icon Düsseldorf erforscht die Welt der bunten Bildergeschichten

Micky Maus, Superman, Tim und Struppi – die Welt der Comics ist vielfältig. Ihre Geschichten sind amüsant, traurig, spannend oder regen zum Nachdenken an und sie handeln von Superhelden und -heldinnen, fantastischen Wesen oder von guten und bösen Mächten. Sicherlich fast jede*r hatte irgendwann einmal eines dieser bunten Hefte in der Hand, manch eine*r wurde gar zum Anhänger des Donaldismus. Der Comicbereich ist ein erprobtes Literaturgenre, das einem großen Teil der Bevölkerung als Medium bekannt ist. Deshalb verwundert es nicht, dass die Comicforschung - nach einem etwas holprigen Start - auch in der deutschsprachigen Forschungslandschaft dauerhaft angekommen ist.

Düsseldorfer Comicforschungsnetzwerk icon ist fachlich etabliert

Seit dem Jahre 2015 hat sich das aus dem Arbeitskreis Grafisches Erzählen entstandene interdisziplinäre Comicforschungsnetzwerk icon Düsseldorf an der Heinrich-Heine-Universität fest in die Forschungslandschaft dieser Literaturgattung etabliert und ist auch mit der Gesellschaft für Comicforschung (ComFor) vernetzt, in der Forscher*innen vielfältigster Disziplinen vertreten sind.

Mitarbeiter*innen der verschiedensten Fachrichtungen, die zum Teil bereits seit Jahren zu grafischen Erzählformen, wie bandes dessinées der frankobelgischen Tradition, Comics sowie Mangas lehren, forschen und publizieren, halten das Thema des grafischen Erzählens nicht nur in der Lehre an der HHU präsent, sondern demonstrieren auch der akademischen Community, welches Potenzial in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser Textform liegt. Leitgedanke ist dabei vor allem die Interdisziplinarität der Comicforschung an sich, die in diesem Zusammenhang als Sammelbegriff für die vielfältigen Gattungen und Formen des grafischen Erzählens zu verstehen ist. Schließlich handelt es sich bei Comics nicht um ein nur rein textliches Medium, sondern vielmehr um multimediale Texte, deren Analyse von den vielfältigen Methoden und Herangehensweisen der beteiligten Forschungsdisziplinen profitiert. Der grafische Erzähltext bildet dabei einen idealen Untersuchungsgegenstand für eine von den klassischen Disziplinen losgelösten Diskurs, der sowohl die Medialität des Mediums, als auch Erzählstrategien, Gegenstände und Adaptivität gleichzeitig und miteinander verschränkt in den Blick nimmt und die Ergebnisse für die verschiedenen Disziplinen nutzbar macht.

Comics bestehen nicht allein aus seichten Inhalten, sondern greifen hochaktuelle gesellschaftliche Themen auf.

Dr. Michael Heinze, Mitglied bei icon

Sammelband zu einem hochbrisanten Thema

Die kulturkritische Forschung von icon Düsseldorf greift gesellschaftliche Fragestellungen verschiedenster Art auf. Mit der Ringvorlesung ‚Migration und Krieg in grafischen Erzählungen‘ im Wintersemester 2017/18 legte das Comicforschungsnetzwerk seinen Fokus auf ein gesellschaftlich hochbrisantes Thema. Dass das Anliegen der Wissenschaftler*innen hier ebenso eine aktive Forschungspartizipation als auch eine forschungsorientierte Lehre ist, hat das Düsseldorfer Comicnetzwerk mit seinem im Jahre 2020 erschienenen Sammelband ‚Krieg und Migration im Comic. Interdisziplinäre Analysen.‘ (transcript Bielefeld) deutlich gemacht.


Fünf Fragen - Fünf Antworten

Im Gespräch: Dr. Michael Heinze, Mitglied im Comicforschungsnetzwerk icon Düsseldorf, Lehrender in der Anglistik und einer der Geschäftsführenden im Dekanat der Philosophischen Fakultät an der HHU

Nein, wir wollen den Horizont soweit wie möglich halten, müssen dann aber ggf. auch auf die Expertise von Kolleg*innen aus anderen Philologien zurückgreifen. Genau deshalb ist die Vernetzung der Comicforschung so wichtig, weil fantastische Texte eben auch in Sprachen entstehen, die wir selbst nicht abdecken können. Wir müssen aber auch nicht verhehlen, dass wir mit drei europäischen Philologien und der Expertise der Japanforschung durchaus schon einen sehr weiten Bereich abdecken können.

Comicforschung ist vor allem in Belgien, Frankreich und den USA weitaus etablierter als in Deutschland. Hier hängt der Beschäftigung mit dem Populären zuweilen doch noch der Verdacht des Unwissenschaftlichen an. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass Comicforscher*innen sich zunächst in den Strukturen der klassischen Fächer verorten müssen und ihr Forschungsgebiet dort einbinden müssen. Genau deshalb sind Vernetzungen wie die in der ComFor so wichtig, weil Fächergrenzen hier fallen und das gemeinsame Forschen am Gegenstand im Mittelpunkt steht. Die verschiedenen Methoden und Perspektiven der ursprünglichen Fachkulturen bereichern dabei den Diskurs.

Alle Mitglieder von icon haben ihre eigenen Schwerpunkte, wie zum Beispiel Genrebetrachtungen, formale Aspekte der Comicgestaltung sowie Rezeptionsforschung. Meine eigene Verortung in den Gender und Queer Studies kommt auch beim Thema Comic zum Tragen und ich verbinde meine Forschungstätigkeit damit, Studierenden auch in traditionellen literaturwissenschaftlichen Seminaren immer wieder Comics an die Hand zu geben, um vom rein textlichen Text auch ein wenig weg zu kommen und die Perspektive der Studierenden auf den Seminargegenstand zu erweitern.

Das ist eine schwierige Frage. Generell würde ich zu einem „Nein!“ tendieren, denn wir schreiben auch der textlichen Literatur nicht vor, womit sie sich beschäftigen darf. Literatur (und Kultur) im Allgemeinen beschäftigt sich mit dem, was Gesellschaften beschäftigt. Damit kann sie natürlich kontrovers sein und auch in den Blick einer möglichen Zensur geraten. Beim Comic mag das aus zweierlei Gründen besonders relevant sein. Zum einen sind Bilder noch weitaus affektiver als reine Texte, sodass wir emotional mehr berührt werden, wenn sich Geschichten nicht nur vor unserem inneren Auge, sondern eben auch direkt bildlich auf der Seite abspielen. Zum anderen haftet dem Medium Comic eben immer noch die Kategorisierung des Populären, Leichten, Unterhaltenden an, dass mancher Kritiker als zu wenig ernsthafte Beschäftigung mit einem Thema verstehen mag. Das Potenzial zur Kontroverse zeigt vielleicht am besten die hochbrisante und immer noch sehr kontroverse Diskussion um Art Spiegelmans Maus, das zwischen 1980 und 1991 die Holocaust-Erfahrung von Spiegelmans Vater zeichnerisch erzählt und dies (wie der Titel es andeutet) mit Tiergestalten tut. Der Text ist bis heute in der Diskussion, obwohl es sich mittlerweile um einen Klassiker nicht nur der grafischen sondern auch der Holocaustliteratur handelt. Auch das ist Aufgabe der Comicforschung, darüber aufzuklären, dass das Medium Comic nicht bedeutet, dass Texte sich nicht mit ernsthaften Gegenständen auseinandersetzen können.

Die Lesergruppen verschieben sich immer wieder und es sind immer wieder andere Gruppen, die sich für grafische Texte begeistern können. Den sehr neutralen Begriff „grafische Texte“ wähle ich hier, weil sich eben auch die verschiedenen Genres in der Leserschaft teilweise deutlich abgrenzen. Manga-Leser*innen, Freundinnen und Freunde der franko-belgischen Tradition oder des amerikanischen Superhelden-Comics können recht klar abgegrenzte Gruppen sein, sie können aber auch überraschende Schnittmengen aufweisen. Mit der Graphic Novel (zugegebenermaßen als Begriff auch eine Marketingstrategie) haben sich auch andere Kulturinteressierte den grafischen Medien zugewandt und durch die Verbindung mit den sozialen Medien und den technischen Möglichkeiten des Internets entstehen ständig neue Fangemeinden.


Architektur als neuer Forschungsgegenstand: Tagung im Mai

Mit der im Mai 2021 stattfindenden Tagung ‚SeitenArchitekturen. Architektur und Raum im Comic‘ eröffnet icon Düsseldorf einen strukturellen Themenbereich, der zukünftig einen Forschungsschwerpunkt der Wissenschaftler*innen darstellen wird. Die zweieinhalb Tage dauernde Veranstaltung versammelt Comicforscher*innen, Comicschaffende und Architekt*innen, die zwar auch die Seitenarchitektur eines grafischen Textes betrachten, aber vor allem die narratologische Funktion von architektonischen Elementen in Comics beleuchten und gemeinsam erkunden, wie sich Architektur und Comic gegenseitig beeinflussen und prägen. Die Tagung findet über einen Videokonferenzanbieter statt und steht allen Interessierten offen. Die Anmeldung erfolgt unter icon.hhu.de.

Dem Comicforschungsnetzwerk icon Düsseldorf gehören derzeit folgende Wissenschaftler*innen an:

Dr. Susanne Brandt, Geschichtswissenschaften – Nicolas Gaspers M.A., Medienwissenschaften, Universität zu Köln – Dr. Michael Heinze, Anglistik – Prof. Dr. Frank Leinen, Romanistik – Dr. Elisabeth Scherer, Modernes Japan – Dr. Mara Stuhlfauth-Trabert, Germanistik – Dr. Florian Trabert, Germanisitik.

Homepage Comicforschungsnetzwerk icon Düsseldorf

Autorin: Andrea Rosicki

Verantwortlichkeit: