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Plakat auf Demonstration: Action now or swim later

„Wer sind wir? Fridays for Future meets Citizen Science” – Ein Forschungsprojekt aus dem sozialwissenschaftlichen Institut

Schüler*innen und Studierende weltweit haben mit regelmäßigen Demonstrationen und Aktionen im Rahmen von Fridays for Future eine globale Bewegung für einen allumfassenden weltweiten Klimaschutz in Gang gesetzt. Im Rahmen der Bürgeruniversität der Heinrich-Heine-Universität forschte ein Team aus dem sozialwissenschaftlichen Institut rund ein Jahr lang zu der lokalen Düsseldorfer Bewegung. Das Projekt gründet sich auf dem Citizen Science Ansatz, das heißt, an dem Projekt waren nicht allein Forscher*innen der HHU beteiligt, sondern ebenso Aktivist*innen aus der Bewegung selbst, also Personen die dem wissenschaftlichen Bereich nicht institutionell verbunden sind.

Zusammen mit acht jungen Düsseldorfer Fridays for Future Akteuren ab 16 Jahren ging das Forscher*innen-Team zum einen der Frage nach der Organisation, Arbeitsweise, Kommunikation und Mobilisierung der jungen Menschen nach. Ein weiteres zentrales Forschungsanliegen war das des Transferpotentials der Bewegung, das heißt inwiefern lässt sich Bürgerbewegung generell stärken, unabhängig von bestimmten Identifikationsfiguren und Themen.

Partnerschaftliche Forschung auf Augenhöhe

Der Blick aus der Innenperspektive der Bewegung hatte den großen Vorteil, dass er das Wissen und die Arbeitsweise der Bewegung mit den Augen, Ohren und Stimmen der jungen Menschen selbst produzierte. Die Frage nach dem „wir“ konnte so weitaus adäquater gestellt und differenzierter beantwortet werden, als von etabliertem Wissenschaftler*innen. Dabei folgte die Einbindung der jungen Mitforschenden nicht nur inhaltlich, sondern auch bei der Forschungsmethode. Über die gemeinsame Entwicklung der Forschungsziele und -fragen hinaus, bestimmten sie den Weg zum Erkenntnisgewinn mit – und zwar auf Augenhöhe mit den sozialwissenschaftlichen Forschenden.

Besonders beeindruckt hat mich das Engagement der Bürgerwissenschaftler*innen in unserem Projekt und der Mehrwert, den das Projekt durch ihre Mitwirkung gewonnen hat. 

Laura Ferschinger, Projektleiterin des Forschungsprojektes „Wer sind wir? Fridays for Future meets Citizen Science“

Vertiefende Einblicke in die Forschungswelt und durch Online-Workshops

Einen vertiefenden Einblick in das wissenschaftliche Arbeiten, in sozialwissenschaftliche Methoden und in die Welt der quantitativen und qualitativen Erhebungen erhielten die jungen Neu- Forscher*innen pandemiebedingt durch verschiedene intensive Online-Workshops. Neben der konkreten Forschungsfrage „Wie werden innerhalb von Fridays for Future Entscheidungen getroffen und welche Einflussfaktoren spielen dabei eine Rolle?“ wurden hier auch Forschungsmodell und Forschungsmethode (qualitative Interviews, Beobachtungen und Umfrage) zusammen entwickelt und konstruiert.

Über die einzelnen Forschungsschritte, Workshop-Ergebnisse und forschungseinschränkende Rahmenbedingungen durch die Pandemie berichtete ein projektbegleitender Blog.

Abschlussevent präsentiert zentrale Ergebnisse

Nach rund einem Jahr Forschung am bürgerwissenschaftlichen Projekt „Wer sind wir? Fridays for Future Meets Citizen Science“ findet am 11. Juni 2021 ein Abschlussevent gemeinsam mit den Forschenden des sozialwissenschaftlichen Instituts und den Aktivist*innen von Fridays for Future statt. Interessierte erhalten hier die Gelegenheit, Einblicke in das innovative Forschungsprojekt und seine zentralen Ergebnisse zu erhalten sowie in einen regen Austausch mit den Teilnehmer*innen zu treten. Der Veranstaltungslink wird hier veröffentlicht.


Fünf Fragen - Fünf Antworten

Im Gespräch: Laura Ferschinger, Projektleiterin des Forschungsprojektes „Wer sind wir? Fridays for Future meets Citizen Science“ und Mitarbeiterin im Projekt „Transferbarometer“ am Politiklehrstuhl II mit Lehrtätigkeit (Sozialwissenschaften).

Aus Sicht der Forscher*innen liegt der Vorteil des gemeinsamen Forschens im Input und in den neuen Perspektiven, die die jungen Bürgerwissenschaftler*innen in das Projekt einbringen. An vielen Stellen des Forschungsprozesses ist dies deutlich geworden, von der Entwicklung der Forschungsfrage an über die Erstellung der Erhebungsinstrumente und der Durchführung der Erhebung bis hin zur Auswertung. In all diesen Schritten haben die Mitforscher*innen durch ihre Expertise und Innenperspektive der Fridays for Future-Bewegung das Projekt vorangetrieben und wesentlich zu seinem Erfolg beigetragen. So verfügen sie über einen besonderen Zugang zur Bewegung, der sich bei der Rekrutierung von Interviewpartner*innen oder der Streuung der Umfrage als sehr wertvoll erwiesen hat. Auch ermöglicht ihnen die Mitwirkung im Projekt, Einblicke in die Wissenschaft zu erhalten, sozialwissenschaftliche Forschungskompetenzen zu erlangen und durch die inhaltliche Ausrichtung des Projekts mehr über ihre eigene Bewegung zu forschen und zu lernen. Zudem erleichtert die Öffnung der Wissenschaft für die Aktivist*innen den Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft und bietet die Gelegenheit, Fragen einer jüngeren Generation aufzunehmen und zu untersuchen.

Zunächst haben wir die Düsseldorfer Fridays for Future-Bewegung mit unserer Projektidee angesprochen und sind daraufhin zu einem Ortsgruppentreffen eingeladen worden. Dort wurde uns die Gelegenheit geboten, unser Projekt und Forschungsvorhaben den Aktivist*innen vorzustellen sowie erste Kontakte mit ihnen zu knüpfen. Dabei hat uns die Offenheit der Fridays for Future-Aktivist*innen für unser Projekt positiv überrascht. Aus diesem ersten Treffen ist der Großteil unserer Bürgerwissenschaftler*innen hervorgegangen. Während des gesamten Projektverlaufs war dieses für interessierte Fridays for Future-Aktivist*innen offen und neue Mitforscher*innen konnten jeder Zeit dazukommen.

Teil der fünf Workshops, die wir im Projektverlauf zusammen mit den jungen Mitforscher*innen durchgeführt haben, war immer auch die Vermittlung sozialwissenschaftlicher Kompetenzen. So haben wir uns, nachdem wir die qualitativen Methoden der Beobachtung und Interviews zur Untersuchung unserer Forschungsfrage gewählt haben, auch mit der Frage beschäftigt, wie diese Methoden angewandt werden, was dabei beachtet werden muss und welche Hilfsmittel eingesetzt werden können. Wir haben bspw. besprochen, welche Rolle Forscher*innen im Feld einnehmen und wie sie mit ihrem eigenen Verhalten auch das soziale Geschehen ihrer Umwelt beeinflussen können.  Durch die Reflektion zur eigenen Stellung im Feld und durch die praktischen Hinweisen zur Durchführung dieser qualitativen Methoden wurde versucht, möglichen Verzerrungseffekten entgegenzuwirken. Darüber hinaus haben wir gemeinsam einen Interviewleitfaden und Beobachtungsprotokollbogen erstellt, um die Beobachtungen und Interviews zu strukturieren und standardisierte Daten zu erheben. Die jungen Mitforscher*innen wurden in beiden Methoden geschult, sodass sie die Beobachtungen größtenteils selbstständig und die Interviews in Teams mit den Wissenschaftler*innen erfolgreich durchführen konnten.

Mit Beginn der Corona-Pandemie und den damit einhergehenden Kontaktbeschränkungen haben wir unseren ersten gemeinsamen Workshop vom Frühjahr in den Sommer 2020 verlegt, verbunden mit der Hoffnung, im Sommer mit einer Präsenz-Auftaktveranstaltung in die gemeinsame Forschung einsteigen zu können. Im Laufe des Frühjahrs wurde allerdings immer deutlicher, dass die Pandemie auf unbestimmte Zeit Einschränkungen von uns fordern würde. Deshalb haben wir unser Konzept den Gegebenheiten angepasst und eine digitale Projektversion entwickelt. Die Workshops wurden sodann in den digitalen Raum verlegt und kollaborative Online-Tools zur Zusammenarbeit zwischen den Workshops eingesetzt. Gleichzeitig hat uns mit der Einschränkung der Straßenproteste die Frage bewegt, wie die Fridays for Future-Bewegung auf die Pandemie reagiert. Deshalb haben wir uns kurzerhand dazu entschlossen, noch vor unserem ersten gemeinsamen Workshop mit den Bürgerwissenschaftler*innen eine deutschlandweite Umfrage unter Fridays for Future-Aktivist*innen durchzuführen. Ziel dieser ersten Umfrage war es, herauszufinden, wie sich die Corona-Pandemie auf die Kommunikation, Organisation und Mobilisierung der Bewegung auswirkt. Die Ergebnisse zeigen, dass für die interne Kommunikation und Organisation bei Fridays for Future bereits vor der Corona-Pandemie Messenger-Dienste und soziale Medien eine wichtige Rolle spielten. Sie wurden von der Bewegung für die Mobilisierung und Durchführung von online-basierten Protestformen und -aktionen genutzt und dienten seit Ausbruch der Pandemie als Basis für den weiteren Ausbau. So konnten wir feststellen, dass sich die Kommunikations-, Mobilisations- und Protestformen in den digitalen Raum verlagerten und dort stark zunahmen. Dennoch ist Fridays for Future bereits vor der Pandemie als digitale Bewegung anzusehen.

Besonders beeindruckt hat mich das Engagement der Bürgerwissenschaftler*innen in unserem Projekt und der Mehrwert, den das Projekt durch ihre Mitwirkung gewonnen hat. Sie haben wesentlich die Richtung des Projekts gesteuert und mit ihrem wichtigen Input deutlich gemacht, welch großes Potential die Einbindung von Bürger*innen für die Wissenschaft birgt. Der Einsatz der verschiedenen Methoden eröffnete uns viele neue Perspektiven und lieferte eine Fülle an Daten, die es ermöglicht haben, wichtige Erkenntnisse zu Entscheidungsprozessen bei Fridays for Future zu generieren. Auch die digitale ko-kreative Zusammenarbeit hat sich trotz anfänglicher Bedenken als sehr gut umsetzbar und fruchtbar erwiesen. Citizen Science kann somit je nach Fragestellung auch in diesen ungewöhnlichen Zeiten online gut umgesetzt werden. Gleichzeitig hat uns das Projekt auch vor Herausforderungen beim ko-kreativen Prozess gestellt, wie bspw. datenschutzrechtliche Hürden, die mit bürokratischen Anforderungen verbunden waren. Dennoch hat mir das Projekt gezeigt, dass Citizen Science eine gewinnbringende Forschungsmethode ist, die für etablierte Wissenschaftler*innen einerseits und für Bürger*innen andererseits eine Bereicherung darstellt und zu einer nachhaltigeren Forschung beiträgt. So kann das Projekt als Beispiel dafür dienen, wie der Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft gelingen kann.


Dem Forschungsteam aus dem sozialwissenschaftlichen Institut gehören folgende Wissenschaftler*innen an:

Viktor Burgi - Laura Ferschinger - Philipp Krach - Dr. Witold Mucha - Dr. Anna Soßdorf.
 

Weitere spanndende Forschungstätigkeiten an der Philosophischen Fakultät finden Sie hier.

Autorin: Andrea Rosicki

Verantwortlichkeit: