Wissenschaft im Gegenwind: Wie konfliktreiche Öffentlichkeiten die Kommunikationsbereitschaft verändern
Ein Forschungsprojekt aus dem Institut für Sozialwissenschaften
Die COVID-19-Pandemie war nicht nur eine globale Gesundheitskrise, sondern auch ein außergewöhnliches Kommunikationsereignis. Wissenschaftliche Erkenntnisse standen über lange Zeit im Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit. Virologische Modelle, Impfstoffstudien und epidemiologische Kennzahlen wurden breit diskutiert, und viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler traten regelmäßig in den Medien auf. Diese Phase erhöhter Sichtbarkeit ließ zunächst erwarten, dass sich die öffentliche Wissenschaftskommunikation dauerhaft intensivieren würde. Empirische Befunde zeigen jedoch ein differenzierteres Bild.
Im Rahmen eines von der DFG geförderten Forschungsprojektes unter Leitung von Prof. Dr. Frank Marcinkowski (Institut für Sozialwissenschaften) wurden zwei groß angelegte Befragungen von Forschenden an deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen die durchgeführt. Die Befunde zeigen: Die Erfahrungen während der Pandemie haben im Durchschnitt eher zu einer geringeren Bereitschaft geführt, sich künftig öffentlich zu äußern. Zwar stieg die Nachfrage nach wissenschaftlicher Expertise erheblich, gleichzeitig veränderten sich jedoch die Bedingungen öffentlicher Kommunikation. Wissenschaftliche Aussagen wurden stärker politisiert, Debatten emotionaler geführt und einzelne Forschende stärker personalisiert.
Ein zentraler Erklärungsfaktor ist die Wahrnehmung eines zunehmend konflikthaften öffentlichen Klimas. In Auseinandersetzungen über Schutzmaßnahmen oder Impfstrategien wurden wissenschaftliche Positionen häufig zum Gegenstand politischer Kontroversen. Viele Forschende berichten von aggressiven Reaktionen, insbesondere in sozialen Medien. Dabei spielte nicht nur direkte Betroffenheit eine Rolle. Auch die Beobachtung von Angriffen auf Kolleginnen und Kollegen führte zu einer veränderten Risikowahrnehmung. Öffentliche Sichtbarkeit wurde häufiger mit persönlichen Belastungen verbunden. Entsprechend zeigen die Daten, dass wahrgenommene anti-wissenschaftliche Stimmungen die Bereitschaft zur öffentlichen Kommunikation merklich reduzieren (Marcinkowski, de Haas & Kohler 2025).
Vertrauen als zentraler Bestandteil für Kommunikationsbereitschaft
Neben dieser Bedrohungswahrnehmung veränderte sich während der Pandemie auch das Verhältnis vieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu journalistischen Medien. Unter den Bedingungen hoher Unsicherheit und schnellen Nachrichtenzyklen entstand bei zahlreichen Befragten der Eindruck verkürzter oder zugespitzter Berichterstattung. Empirische Analysen zeigen, dass sinkendes Vertrauen in journalistische Medien eng mit geringerer Kommunikationsbereitschaft zusammenhängt. Vertrauen fungiert dabei als zentrale Vermittlungsvariable: Wer Medien als verlässliche Partner wahrnimmt, engagiert sich eher öffentlich; schwindet dieses Vertrauen, steigt die Zurückhaltung (Marcinkowski, de Haas & Kohler 2026).
Interessanterweise betrifft diese Entwicklung nicht nur Medienorganisationen, sondern auch deren Publikum. Viele Forschende berichten von der Wahrnehmung eines stärker polarisierten Publikums, in dem wissenschaftliche Aussagen selektiv interpretiert werden. Diese Wahrnehmung beeinflusst Erwartungen über die Wirksamkeit öffentlicher Wissenschaftskommunikation und reduziert deren wahrgenommenen Nutzen.
Damit rückt ein dritter Mechanismus in den Fokus: die Neubewertung von Kosten und Nutzen des öffentlichen Engagements. Während öffentliche Sichtbarkeit zuvor häufig als reputationsfördernd galt, berichten viele Forschende nach der Pandemie von gestiegenen persönlichen und professionellen Risiken. Dazu zählen emotionaler Stress, Reputationskonflikte oder zusätzlicher Zeitaufwand. Gleichzeitig werden positive Effekte – etwa gesellschaftliche Wirkung oder berufliche Vorteile – skeptischer eingeschätzt. Multivariate Analysen zeigen, dass diese veränderten Kosten-Nutzen-Erwartungen einen eigenständigen Einfluss auf Kommunikationsentscheidungen haben (de Haas, Marcinkowski & Kohler 2026).
Krisenkommunikation der COVID-19-Pandemie wirkt sich langfristig auf Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit aus
Zusammengenommen ergibt sich ein konsistentes Gesamtbild. Die Pandemie hat Wissenschaftskommunikation nicht nur intensiviert, sondern ihre Bedingungen strukturell verändert. Wahrgenommene öffentliche Anfeindungen, sinkendes Vertrauen in Medien sowie veränderte Erwartungen über Nutzen und Risiken führen zu einer vorsichtigeren Kommunikationshaltung vieler Forschender. Diese Entwicklung bedeutet jedoch keinen generellen Rückzug aus der Öffentlichkeit. Vielmehr zeigen die Daten eine moderate, aber systematische Verschiebung. Gleichzeitig bleibt die Bereitschaft zur Kommunikation stark von individuellen und institutionellen Faktoren abhängig. Forschende mit umfangreicher Medienerfahrung oder starkem normativem Verantwortungsgefühl engagieren sich weiterhin intensiv. Andere reagieren sensibler auf negative Erfahrungen. Damit wird deutlich, dass Wissenschaftskommunikation zunehmend als strategische Praxis unter unsicheren Bedingungen wahrgenommen wird.
Die Ergebnisse weisen insgesamt darauf hin, dass Krisenkommunikation langfristige Effekte auf das Verhältnis zwischen Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit haben kann. Öffentliche Sichtbarkeit erzeugt nicht nur Aufmerksamkeit, sondern verändert auch Erwartungen, Risiken und Rollenverständnisse. Die COVID-19-Pandemie hat diese Dynamiken besonders deutlich sichtbar gemacht.
Referenzen
- Marcinkowski, F., de Haas, H., & Kohler, S. (2026). Trust undone: How COVID-19 coverage shaped scientists’ trust in journalism and their willingness to engage with the media. Public Understanding of Science, 0(0). https://doi.org/10.1177/09636625261416830
- de Haas, H., Marcinkowski, F., & Kohler, S. (2026). Rethinking Rationality. Scientists’ Perspectives on Health Communication After the COVID-19 Pandemic. Health Communication, 1–14. https://doi.org/10.1080/10410236.2026.2620496
- Marcinkowski, F., de Haas, H. & Kohler, S. (2025) Fight or flight? - How the coronavirus pandemic has affected scientists’ willingness to engage with the public. Humanit Soc Sci Commun 12, 814 (2025). https://doi.org/10.1057/s41599-025-05023-3