Zum Inhalt springen Zur Suche springen
Handweberei im Nishijin Textile Center in Kyoto

Traditionelle japanische Kunsthandwerksindustrien und ihre Märkte im 21. Jahrhundert – Soziale und ökonomische (Re-)Organisation

Ein DFG-Projekt aus dem Institut für Modernes Japan

Trotz seines rasanten wirtschaftlichen Aufstiegs zum aktuell fünfgrößten Industrieland der Erde ist es Japan – viel stärker als anderen Industrieländern – gelungen, verschiedene Kunsthandwerke und Kunsthandwerksbezirke mit ausgeprägten regionalen Merkmalen bis in die Gegenwart zu erhalten. Während die bisherige Forschung nachfrage- und angebotsseitige Faktoren für den "Erfolg" des japanischen Kunsthandwerks angeführt hat, bleibt unklar, inwieweit diese Erklärungen heute noch relevant sind und wie sich das Kunsthandwerk seit den frühen 1990er Jahren entwickelt hat.

Dieses von der DFG geförderte Forschungsprojekt unter der Leitung von Prof. Dr. Harald Conrad nimmt deshalb die soziale und wirtschaftliche (Re-)Organisation in traditionellen Kunsthandwerksindustrien und ihren Märkten im gegenwärtigen Japan in den Blick.

 

Forschungsinteresse

Weltweit zeigen die Mittelschichten eine wachsende Vorliebe für handgefertigte Produkte, die in Diskursen über nachhaltige Produktion, ethische Lebensweise, Konsumwerte und Authentizität eine Rolle spielen. Im Zuge dieser Entwicklung hat auch das neue westliche Kunsthandwerksunternehmertum akademische Aufmerksamkeit erhalten. Die derzeitige Reorganisation bestehender Handwerksbezirke ist jedoch nur unzureichend erforscht. Diese Analyse jüngerer Veränderungen des Kunsthandwerks in Japan soll deshalb nicht nur die spezifischen japanischen Dynamiken der Organisation in Handwerksbezirken beleuchten, sondern auch dazu beitragen, unser grundsätzliches Verständnis der strukturellen Grundlagen für eine mögliche Wiederbelebung von Gemeinschaften und die regionale Entwicklung durch handwerkliche Produktion in Industrieländern zu erweitern.

Forschungsansatz

Dabei verfolgt das Projekt einen wirtschaftssoziologischen Ansatz. Um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Strukturen, Praktiken, Problemen und Problemlösungsmechanismen herauszuarbeiten, werden dreierlei Typen zeitgenössischen Kunsthandwerks in drei bzw. vier verschiedenen japanischen Handwerksbezirken verglichen (Seidenweberei in Kyoto, Lackwarenindustrie in Sabae und Keramikindustrie in Tokoname und Seto). Da sich alle drei Industrien bzw. Orte durch komplexe Organisationsstrukturen mit kooperativer Arbeitsteilung, Unterauftragsvergabe und Vertriebsnetzwerken auszeichnen, stellen sie ideale Standorte für die Untersuchung der Dynamik solcher Organisationsfelder dar. Um einen umfassenden Vergleich zu ermöglichen, konzentriert sich das Projekt insbesondere auf a) die sich wandelnden sozialen und ökonomischen Strukturen der jeweiligen Organisationsfelder mit besonderem Augenmerk auf der Organisation und Risikoverteilung in gemeinschaftlichen Produktionsprozessen, bei der Unterauftragsvergabe und im Vertrieb, b) die Rolle von Expertenwissen und Ausbildungssystemen und ihre jeweiligen Auswirkungen auf Eintrittsbarrieren und generationale Erneuerung des Organisationsfeldes, c) Diskurse zum Verhältnis von handwerklicher und maschineller Produktion, d) den Einfluss nationaler Kunsthandwerkspolitik und die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie.

Forschung vor Ort und erste Ergebnisse

Die derzeit noch laufende Forschung in den drei Industrien bzw. Handwerksbezirken wird unmittelbar vor Ort durch Prof. Dr. Harald Conrad in Kyoto und seine Mitarbeitenden Dr. Shilla Lee (Post-Doc) in Sabae und Adrian Gärtner (Doktorand) in Tokoname und Seto durchgeführt. Erste, vorläufige Ergebnisse zeigen, dass sich die Rahmenbedingungen für traditionelles japanisches Kunsthandwerk in den letzten Jahren dramatisch verändert haben. Die schwächelnde japanische Wirtschaft, eine rapide demographische Alterung sowie veränderte Konsumgewohnheiten – nicht zuletzt im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie – haben in allen drei Industrien starke inländische Umsatzrückgänge bewirkt. Vor diesem Hintergrund geraten bestehende Zulieferbeziehungen, Produktions- und Vermarktungsprozesse unter erheblichen Anpassungsdruck. Dabei verstehen es die existierenden Industrievereinigungen und die Politik nur begrenzt, auf diese Herausforderungen nachhaltige Antworten zu finden. Überkommene Strukturen zur Risikoverteilung geraten an ihre Grenzen und die Ausbildung des Nachwuchses sowie die generationale Erneuerung gestalten sich häufig als schwierig. Gleichzeitig formieren sich an den Rändern der bestehenden Strukturen zum Teil neue innovative Gruppierungen, die nahelegen, dass die bestehenden Handwerksbezirke auch nach noch zu erwartenden weiteren schweren Einschnitten in Zukunft eine wichtige Rolle bei der Erhaltung des japanischen Kunsthandwerks spielen dürften. Im Einzelfall werden dabei im begrenzten Umfang zunehmende Exportmöglichkeiten und kunsthandwerkliche Kooperationen über Ländergrenzen hinweg an Bedeutung gewinnen.

Projektlaufzeit: Oktober 2024 bis September 2027

Projektverantwortlicher: Prof. Dr. Harald Conrad

Bild im Header: Handweberei im Nishijin Textile Center in Kyoto


  • Weitere spannende Forschungstätigkeiten der Philosophischen Fakultät finden Sie hier.
  • Die Wissenschaftskommunikation der Philosophischen Fakultät