Deutsch klingt harsch, Französisch romantisch?
Das Forschungsprojekt „Laute, Spracheinstellungen und Bedeutung“ aus dem Institut für Anglistik und Amerikanistik
Deutsch klingt harsch und hässlich, Französisch klingt romantisch und schön? Wir alle haben bestimmte Vorstellungen von Sprachen, Dialekten und Akzenten und nehmen sie als mehr oder weniger angenehm wahr. Wir verbinden bestimmte Laute mit sozialen Gruppen, mit Eigenschaften wie Schönheit, Eleganz, Intelligenz oder Bildung sowie mit allgemeineren Merkmalen wie Form, Größe oder Textur.
Doch unsere Einstellungen gegenüber Sprache sind nicht nur ästhetische Vorlieben, sondern haben auch Konsequenzen: Es wurde nachgewiesen, dass Spracheinstellungen zu einer Reihe gesellschaftlicher Effekte beitragen. Zum Beispiel haben wir weniger Chancen, am Telefon zu einer Wohnungsbesichtigung eingeladen zu werden, wenn wir einen stigmatisierten Akzent haben, als wenn wir mit einem prestigeträchtigen Akzent sprechen. Neben Diskriminierung bei der Wohnungssuche haben Spracheinstellungen auch einen Einfluss auf Prozesse im Rechtssystem, die Bewertung von Schulkindern, den Status am Arbeitsplatz, die Möglichkeit zur Adoption von Kindern, die Glaubwürdigkeit und Kooperation von Gesprächsteilnehmenden, unser Selbstbild und nicht zuletzt den Wandel und Verlust von Sprache selbst. Zudem werden Einstellungen gegenüber Sprache reproduziert durch Medien, Literatur und Sprachmodelle wie ChatGPT.
Doch eine der wichtigsten Fragen bleibt bis heute ungeklärt: Warum haben wir Spracheinstellungen? Die Antwort der Soziolinguistik darauf ist, dass Einstellungen „indexikalisch“ sind. Das heißt, dass wir bestimmte Eigenschaften von Sprache (zum Beispiel die Laute des Französischen) bestimmten Gruppen zuordnen (zum Beispiel Menschen in Frankreich) und dann Vorurteile oder Klischees über diese Gruppen aktivieren (zum Beispiel denken wir an Paris, Mode, Eleganz). Somit werden dann bestimmte Urteile herbeigeführt (zum Beispiel empfinden wir Französisch dann als schön und romantisch). Spracheinstellungen entstehen durch soziokulturelle Stereotypen, durch Macht und Prestige. Diese Erklärung ist in der Sprachwissenschaft allgemein akzeptiert.
Es gibt allerdings noch eine zweite mögliche Antwort darauf. Spracheinstellungen könnten auch, zumindest in Teilen, „ikonisch“ sein. Das bedeutet, dass bestimmte Eigenschaften von Sprache an sich (zum Beispiel bestimmte Laute des Französischen) zu bestimmten Reaktionen bei uns führen. Beispielsweise könnten wir bestimmte Laute als angenehmer empfinden, weil sie mit menschlicher Anatomie leichter auszusprechen sind, oder bestimmte Laute könnten als harscher und rauer empfunden werden, weil ihr phonetisches Muster rauen Oberflächen ähnelt. Dies würde bedeuten, dass Sprachen allein aufgrund ihres Klangs bereits auf eine bestimmte Weise wahrgenommen werden (zum Beispiel finden wir es schön, wie Französisch tatsächlich klingt).
Laute oder Vorurteile?
Sowohl für den indexikalischen als auch für den ikonischen Erklärungsansatz gibt es Evidenz, jedoch gibt es bisher nur wenige Studien, die beide Ansätze zusammen untersuchen.
Dr. Simon David Stein aus der Abteilung für Englische Sprachwissenschaft des Instituts für Anglistik und Amerikanistik der HHU führt aus diesem Grund das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt SAM: Sounds, attitudes, and meaning (Laute, Spracheinstellungen und Bedeutung) durch. Das Projekt besteht aus einer Reihe von Studien, in denen sich Menschen mit unterschiedlichem Sprachhintergrund eine Reihe von Audioaufnahmen anhören und diese bewerten: Wie angenehm klingt die Sprache? Wie schön, wie weich, wie rund? Wie gebildet und wie intelligent, wie freundlich und gewöhnlich? Wie gut oder böse, wie erotisch? Der Trick dabei ist, dass diese angehörten Sprachen keine echten Sprachen sind. Stein konstruiert stattdessen neue Sprachen mithilfe von Code und Sprachsynthese, um zu vermeiden, dass bereits bestehende Einstellungen zu Sprachen in der echten Welt die Wahrnehmung der Laute beeinflussen. So kann er schauen, welche lautlichen Eigenschaften die Bewertungen der Fantasiesprachen beeinflussen, während der Einfluss sozialer Faktoren möglichst kontrolliert wird.
Starke Evidenz für soziale Einflüsse
Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass manche lautlichen Eigenschaften tatsächlich einen Unterschied machen. Zum Beispiel werden Sprachen schlechter bewertet, wenn in ihnen der Laut /x/ vorkommt (wie ch im deutschen Wort ach!), oder wenn sie weniger Sonorität aufweisen (das heißt, sie enthalten weniger als lauter wahrgenommene Konsonanten wie /m, n, j, w, l/ und mehr als leiser wahrgenommene Konsonanten wie /k, p, t, s/). Letzteres ist sogar unabhängig davon, ob die eigenen Sprachen der Teilnehmenden viel oder wenig Sonorität haben. Dies würde für den ikonischen Erklärungsansatz sprechen: Manche Einstellungen könnten von lautlichen Eigenschaften selbst beeinflusst werden.
Allerdings zeigen die Ergebnisse auch, dass selbst in einem von der sozialen Realität sehr entfernten Kontext mit Fantasiesprachen soziale Faktoren eine sehr viel größere Rolle spielen als Laute selbst. Zum Beispiel bewerten Teilnehmende, deren eigene Sprachen sehr sonor sind, Sprachen mit hoher Sonorität besser als Sprachen mit geringer Sonorität; aber Sprachen mit geringer Sonorität werden von genau diesen Teilnehmenden nicht besser bewertet als von Teilnehmenden mit wenig sonoren Sprachen. Das zeigt, dass es auch eine Rolle spielt, mit welchen Sprachen wir selbst aufgewachsen sind. Zudem zeigt sich, dass wir Sprachen schlechter bewerten, wenn wir männlich sind, wenn wir jung sind, wenn wir die Sprache als weniger vertraut empfinden und wenn wir denken, die Sprache ähnelt anderen Sprachen aus bestimmten Regionen. Zum Beispiel empfinden wir eine Fantasiesprache als unfreundlicher und härter, wenn wir denken, sie ähnelt einer Sprache aus dem Nahen Osten, oder als ungebildeter, wenn wir denken, sie käme aus Afrika — und das, obwohl die Sprache gar nicht existiert. Es kommt hier nicht auf die Sprache an sich an, es kommt darauf an, wer sie mutmaßlich spricht und was wir über diese Sprechenden denken. Dies spricht für den indexikalischen Erklärungsansatz. Wir bewerten Sprache also nicht nur danach, wie sie klingt, sondern primär danach, wer wir sind — wie wir aufgewachsen sind, was wir erlebt haben, wie wir sozialisiert wurden.
Sowohl die ikonischen als auch die indexikalischen Ergebnisse könnten in zukünftiger Forschung auch Aufschluss darüber geben, wie sich Sprache entwickelt hat. Auf der ikonischen Seite könnte es evolutionäre Vorteile gehabt haben, bestimmte Laute zu meiden (zum Beispiel, weil sie mit Gefahren in Verbindung gebracht werden). Auf der indexikalischen Seite könnte es einfacher gewesen sein, bestimmte Laute zu lernen, wenn sie soziale Bedeutung haben.
Weitere Studien sind in Planung, die noch andere lautliche Eigenschaften untersuchen, um diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Ziel ist, dass das Projekt zum Erkenntnisgewinn auf drei Ebenen beiträgt: empirisch, indem es die sozialen und sprachlichen Effekte auf Einstellungen entwirrt; theoretisch, in dem es dazu beiträgt, deren Natur besser zu verstehen; und gesellschaftlich, indem es uns hilft, sprachlichen Vorurteilen besser entgegenzuwirken.
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