Kulturtransfer zwischen Hellenismus und antikem Christentum
Ein Forschungsprojekt aus dem Institut für Geschichtswissenschaften, Abteilung Alte Geschichte
An der Alten Geschichte in Düsseldorf ist ein Projekt angesiedelt, das die Überlieferung wichtiger historischer Fragmente in Textform auf eine neue Grundlage stellen soll. Im Mittelpunkt stehen griechischsprachige Historiker aus der Zeit des Hellenismus, der Epoche vom Tod Alexanders des Großen bis zum Tod von Antonius und Kleopatra, mit der das letzte Nachfolgereich Alexanders des Großen endete. Der Hellenismus war eine äußerst produktive und innovative Epoche, in welcher sich die Errungenschaften Griechenlands in der klassischen Zeit weit auf dem eurasischen Kontinent verbreitet haben. Trotzdem sind die allermeisten Historiker dieser Zeit nur indirekt bekannt, weil spätere Autoren der Antike sie erwähnen und aus ihnen zitieren. Unter diesen späteren Autoren nehmen die christlichen Autoren eine besondere Rolle ein, da diese Autoren sich von der hellenistischen Geschichte abgrenzen wollten, zugleich aber ihre Ursprünge innerhalb dieser hellenistischen Welt auf das Judentum zurückführten. Das Projekt wird von Privatdozent Dr. Dirk Rohmann durchgeführt und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.
Ausgangslage: Überlieferung hellenistischer Geschichtsschreiber
Die hellenistische Geschichtsschreibung (ca. 336-31 v. Chr.) ist lediglich als Trümmerfeld überliefert. Aus dem Gesamtbestand der namentlich bekannten griechischen Geschichtsschreibung ist vielleicht nur 2 % auf uns gekommen. Für die hellenistischen Autoren stellt sich das Zahlenverhältnis noch ungünstiger dar. Allein die Anzahl der namentlich bekannten Historiker aus der Zeit des Hellenismus lässt sich – abhängig von der genauen Datierung – auf bis zu 600 beziffern. Von dieser Vielzahl an Namen ist von zwei Historikern nur jeweils ein Werk in handschriftlicher Tradierung überliefert, und selbst diese beiden Werke sind unvollständig. Selbst mit der Zahl der namhaft bekannten Autoren ist wahrscheinlich nur ein Bruchteil dessen erfasst, was es einst gegeben haben muss.
Die sich aus dieser literarischen Quellenbasis ergebenden wissenschaftlichen Fragestellungen sind naturgemäß begrenzt. Sie können auf eine neue methodische Grundlage gestellt werden, indem die Überlieferungsbedingungen selbst in den Mittelpunkt der Untersuchung gestellt werden. Das Düsseldorfer Projekt nimmt eine solche Untersuchung für den besonders relevanten Zeitraum des späteren Römischen Reiches (1. bis 6. Jh.) erstmals systematisch in Angriff. Dies gilt insbesondere für die Überlieferung und Rezeption durch christliche Autoren. Mit den von Felix Jacoby begründeten Fragmenten der griechischen Historiker wurde im früheren 20. Jahrhundert bereits die autoritative Materialsammlung für die Fragmente vorgelegt, die allerdings keinerlei Rückschlüsse auf die Kontexte, Authentizität und Genauigkeit dieser Fragmente erlaubt. Auch in textkritischer Hinsicht muss die Sammlung von Jacoby als überholt gelten, da die meisten modernen und philologischen Standards entsprechenden Editionen christlicher Texte erst in den letzten Jahrzehnten abgeschlossen wurden.
Neuansatz des Projektes
Das Projekt soll in Form einer Neuedition und Monographie der Frage nachgehen, welche inhaltlichen, religiösen, gattungsbedingten und geographischen Faktoren die christliche Tradierung des Wissens über hellenistische Historiker von der römischen Kaiserzeit bis in die Spätantike hinein bestimmt haben. Die Fragmente hellenistischer Historiker sollen dabei nach dem jeweils überliefernden Autor (Covertext) geordnet, und im Hinblick auf Überlieferungskontext, Sprach- und Wissenssituation analysiert werden, um auf diese Weise neue Zugänge zur Welt des Hellenismus zu gewinnen.
Die Fragmente sollen in ihren Überlieferungskontext eingeordnet werden. Handelt es sich beispielsweise um für sich stehende Fragmente oder um einen längeren Katalog von Fragmenten? Wie stellen sich die Kontexte im Vergleich wiederholt zitierter Fragmente dar und ergeben sich daraus Schlussfolgerungen für die Einordnung des einzelnen Fragments und für Prinzipien und Methoden einzelner überliefernder Autoren (Covertexte) oder bestimmte Zitierkontexte? Lassen sich inhaltliche Weglassungen plausibel machen?
Dabei werden sprachlicher Kontext und (Rede-)situationsbedingungen berücksichtigt, etwa wahrscheinliche Kommunikationspartner und Rezipienten, mögliche Auftraggeber, sprachliche und Wissenskompetenzen von Autor und Rezipient sowie die literarische Gattung. Hinzu kommen die Kontextebenen Erzählung und Darstellung (insbesondere sofern eine fiktive Gesprächssituation vorliegt) sowie der Argumentations- und Kommunikationszusammenhang (etwa spezifische Erwartungen einer bestimmten Epoche). Es stellt sich außerdem die Frage nach Sprachkontexten wie Ironie, spöttische Distanz, Diatribe oder Polemik und deren Folgen für die Einordnung des Fragments und des darin enthaltenen Wissens. Schließlich soll es um die Genauigkeit der das Fragment konstituierenden Zitierungen gehen; dabei kann es sich bei Zitierungen um wörtliche Wiedergaben handeln oder um (mehr oder weniger) vage Anspielungen oder (oftmals ungenaue) Übersetzungen oder Erinnerungen an einen Originaltext.
Änderungen in der Tradierung von Texten innerhalb von Gruppen wie dem antiken Christentum können auf äußere Ereignisse zurückgeführt werden. Dazu zählen der allmähliche Aufstieg des Christentums und die Reaktionen der paganen Umwelt, welche wiederum die Sicht führender christlicher Intellektueller auf die vorchristliche (hellenistische) Vergangenheit bestimmten, bzw. die Frage, in welchem Umfang man diese wechselseitige Durchdringung ausmachen kann; die christliche Auseinandersetzung mit dieser paganen Umwelt und die christologischen Kontroversen im Wandel der Jahrhunderte; der Aufstieg des Christentums von einer randständigen, teils verfolgten zu einer privilegierten Religion und schließlich zur Staatsreligion; damit einhergehende Perspektivverschiebungen, welche die Erinnerung an Opfer und Märtyrer prägten; schließlich auch der Untergang des weströmischen Reiches und die Assimilierung oder Auseinandersetzung mit neuen Kulturkreisen. Die Berücksichtigung der Identitätsformierung im Christentum bietet also einen Ansatz für die diachrone Auswertung des uns heute erhaltenen historischen Wissens.
Bildquellen Header:
- Mitte: Bücherregal-Sarkophag aus dem Jahr 300 n. Chr. Fotograf unbekannt; als gemeinfrei gekennzeichnet siehe Wikimedia Commons. Originalbild: Bookshelf armarium 300 CE sarcophogus via Wikimedia.
- Links und rechts: Papyrus Artemidoros, Fotograf unbekannt; als gemeinfrei gekennzeichnet siehe Wikimedia Commons. Originalbild: Papiro Artemidoro via Wikimedia.