28.09.2020 09:11

Nachruf em. Prof. Dr. Hubertus Schulte Herbrüggen

Der Thomas-Morus-Forscher Prof. Dr. Hubertus Schulte Herbrüggen ist am 12. September 2020 im Alter von 96 Jahren verstorben. Von 1970 bis zu seiner Emeritierung im August 1989 war er Inhaber des Lehrstuhls Anglistik III (Englische Renaissance) an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Leiter der von ihm begründeten Forschungsstelle für englische Renaissance - MOREANUM.

em. Prof. Dr. Hubertus Schulte Herbrüggen

Bild: Markus Icking, Neuss 2019

Hubertus Schulte Herbrüggen studierte unter anderem Anglistik, Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Münster und veröffentlichte 1960 seine Dissertation "Utopie und Anti-Utopie – Von der Strukturanalyse zur Strukturtypologie", die bis heute ein Grundlagenwerk zur literarischen Utopie Europas ist.

Sein zentrales Forschungsinteresse galt dem Autor der Utopia, dem englischen Humanisten, Staatsmann und Lordkanzler Heinrichs VIII., Thomas Morus. Wegen seiner Weigerung, die Suprematie König Heinrichs über die englische Kirche anzuerkennen, war er 1535 hingerichtet und wegen seiner „Verteidigung des katholischen Glaubens“ 1935 heiliggesprochen worden. Mit seiner Berufung an das Anglistische Institut der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf war es Schulte Herbrüggen gelungen, Landesmittel für ein auf mehrere Jahre angelegtes Forschungsprojekt einzuwerben, die es ihm und seinem Düsseldorfer Team erlaubten, sich systematisch dem Leben und Werk des Thomas Morus zu widmen, insbesondere seiner Korrespondenz und den Umständen seiner Verurteilung.

Seine Forschungen zeitigten schon bald international beachtete Ergebnisse. Während 1977/78 der 500. Geburtstag des Thomas Morus weltweit mit Symposien und Gedenkfeiern gewürdigt wurde, realisierte er mit seinem Freund Jo Trapp vom Londoner Warburg Institute in der National Portrait Gallery zu London das ambitionierte Projekt einer Jubiläumsausstellung mit dem Titel „The King’s Good Servant“ – Sir Thomas More, 1477/78-1535. Diese ist nicht nur wegen ihrer Qualität und Vielseitigkeit in die Annalen der Thomas-Morus-Forschung eingegangen, sondern sie war zweifellos eines der Highlights seines Forscherlebens und mit über 100.000 Besuchern auch eine der erfolgreichsten Ausstellungen der National Portrait Gallery überhaupt. Als die Queen diese besuchte, hatte Professor Schulte Herbrüggen zudem die große Ehre, ihr in mehr als zwei Stunden die wichtigsten Exponate vorzustellen. Aufgrund seiner hier erworbenen Reputation war er 1978 bei der Öffnung der Gruft der Roper-Familie in Canterbury, in der das Haupt des Thomas Morus beigesetzt worden sein soll, der einzige ausländische Forscher, dem es gestattet war, als Zeuge anwesend zu sein und die Ergebnisse zu dokumentieren – unter anderem 1982 im Forschungsbericht 3083 des Landes Nordrhein-Westfalen.

Der Brückenschlag zwischen Fachwissenschaft und interessierter Öffentlichkeit und sein Bemühen, alle Bereiche des gesellschaftlichen und universitären Lebens in die eigene Arbeit einzubeziehen und den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen anderer Disziplinen zu suchen, prägten Schulte Herbrüggens gesamte wissenschaftliche Arbeit. Daher hat er bis ins hohe Alter hinein in einer Vielzahl von Vorträgen die Ergebnisse seiner Forschungen sowohl in Fachkreisen, aber auch in vielfältigen Bildungsinstitutionen diverser Länder verbreitet. Zudem wirkte er an internationalen Tagungen mit und pflegte seine vielfältigen Kontakte im Rahmen seiner Forschungsaufenthalte, die ihn unter anderem an die Yale University (New Haven), die Université Catholique de l’Ouest (Angers), das Warburg Institute, die British Library und das Public Record Office (alle London) sowie die Bodleian Library (Oxford) führten. Dazu gehört auch, dass er Mitbegründer der Deutschen Thomas-Morus-Gesellschaft und der internationalen Vereinigung der Amici Thomae Mori war, dass er mit seinem Team sechs Bände einer deutschen Ausgabe der Werke des Thomas Morus veröffentlichte und zahlreiche allgemeinverständliche Artikel für Nachschlagewerke verfasste. Aus diesem Grund war er auch Mitbegründer des interdisziplinären Forschungsinstituts für Mittelalter und Renaissance (FIMUR) der Philosophischen Fakultät, hat er über die Gesellschaft der Freunde und Förderer der Universität Mittel für dessen sehr erfolgreiche Publikationsreihe Studia Humaniora eingeworben und regelmäßig an den Ringvorlesungen mitgewirkt. Schließlich bekräftigt auch die vielbeachtete Ausstellung Thomas Morus: Humanist – Staatsmann – Märtyrer anlässlich des 450. Todestages und 50. Jahrestages der Heiligsprechung des Thomas Morus in der Bibliothek der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf (1985 und 1987 auch in der Stadtbibliothek Nürnberg) seinen Wunsch, Forschung nie im Elfenbeinturm unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden zu lassen.

Einen unbestrittenen Höhepunkt des Forscherlebens Schulte Herbrüggens markierte 1989 die Bitte des Auktionshauses Christie’s, bei der Analyse und Wertbestimmung eines eigenartigen Briefbündels aus dem Umfeld des flämischen Humanisten Frans van Craneveldt mitzuwirken. Schnell fand er heraus, dass es sich nicht um geschickte Fälschungen handelte, sondern um mehr als 100 echte Humanistenbriefe, deren Inhalt die Forschung bis dato allenfalls erahnen konnte, darunter auch sieben unbekannte Briefe des Thomas Morus. Nicht zuletzt seiner Expertise und Initiative ist es zu verdanken, dass die König-Baudouin-Stiftung, Brüssel, das Briefbündel kaufen und der Universitätsbibliothek Leuven, aus der dieses ursprünglich stammte, als Dauerleihgabe zurückgeben konnte. 1997 legte er eine 245seitige englisch-sprachige Edition mit Faksimiles und Übersetzungen der „neuesten“ lateinischen Morus-Briefe vor und ordnete sie in den Kontext der bereits früher herausgegebenen und der von ihm zusätzlich entdeckten Briefe ein, deren umfangreiche wissenschaftliche Edition er leider nicht mehr abschließen konnte. Umso erfreulicher ist es, dass er einige Wochen vor seinem Tod mit dem Center for Thomas More Studies at the University of Dallas eine Vereinbarung getroffen hat, die das Zentrum autorisiert, seine gesamten Forschungsergebnisse zu nutzen und insbesondere seine umfangreichen Erkenntnisse zur Korrespondenz des Thomas Morus aufzuarbeiten und zu veröffentlichen.

Die Philosophische Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf trauert um Prof. Dr. Schulte Herbrüggen, der Ehrenmitglied des Forschungsinstituts für Mittelalter und Renaissance und der Gesellschaft von Freunden und Förderern der HHU war.

Friedrich-K. Unterweg

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