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Blick auf den oberen Teil der Oper in Avignon

Studierenden-Exkursion zum 80. Theaterfestival in Avignon

„Avignon 2026 – Fest des Theaters“ – unter diesem Motto fand im Sommersemester 2026 unter der Leitung von Lénaïck Bidan und Dr. Michael Heinze ein interdisziplinäres und bilinguales Seminar zur Geschichte des diesjährigen 80. Theaterfestivals in Avignon statt. Zum Abschluss des Seminars besuchten 15 Studierende aus den Studienfächern Romanistik, Transkulturalität, Literaturübersetzen, Medien- und Kulturwissenschaft, Geschichte und Philosophie für ein intensives dreitägiges Programm das Festival.

Mitten im Herzen der Altstadt Avignons im Lycée Saint Joseph lag für drei Tage der Lebensmittelpunkt der Exkursions-Gruppe. Im Mittelpunkt standen der Austausch über Theaterstücke, Begegnungen mit Theaterschaffenden sowie Gespräche mit anderen Theaterbegeisterten. Unterstützt wurden die Dozierenden vor Ort durch die Centres d‘Entraînement aux Méthodes d'Éducation Active (Ceméa).

Sechs Vorstellungen verschiedenster Art

Die Gruppe der Theaterfreund*innen besuchte fünf Aufführungen im Rahmen des offiziellen Festivalprogramms (IN) und eine Aufführung des Festivals OFF. Bereits am ersten Tag trafen die Studierenden nach ihrer Besichtigung des Palais des Papes auf Yves Godin, den Lichtgestalter der Tanzaufführung Muette. In einem für sie exklusiven Format hatten die Studierenden im Anschluss die Möglichkeit, live bei den Proben der Zirkustruppe Collectif XY dabei zu sein und sich mit ihnen auszutauschen. Beide Programmpunkte führten hinter die Kulissen und ließen das Theaterhandwerk lebendig erfassen. 

Der Abend klang an einem ungewöhnlichen Ort aus und markierte das erste Highlight der Exkursion. Außerhalb der Stadt im Steinbruch Boulbon fand die Inszenierung “1, 2, 3 Poquelin” der flämischen Theatertruppe tg STAN statt. Ganze fünf Stücke Molières wurden hier in gut vier Stunden dem Publikum präsentiert und mit einem Veranstaltungsbeginn um 21 Uhr war damit ein Theaterspektakel der besonderen Art gegeben.

Am folgenden Tag begann das Programm gegen Mittag mit der Aufführung einer Adaption des Romans Bel Ami von Guy de Maupassant im Rahmen des OFF-Programms. Dieses Programm versammelt jedes Jahr Künstler*innen aus aller Welt und bietet etwa 1.800 Aufführungen im gesamten Stadtraum an. Das Zusammenspiel zwischen offiziellem Festival und pulsierendem OFF zu erleben und zu sehen, dass die Stadt Avignon und ihre Umgebung während des Festivals voll und ganz in der Hand der darstellenden Künste sind, war für die Studierenden hierbei besonders beeindruckend. 

Weiter ging es mit einer Tanzperformance des Tänzers und Choreographen Boris Charmatz, der in Muette das Erleben und Verarbeiten des Traumas sexuellen Missbrauchs in der Kindheit visualisierte. Die etwa 50-minütige Aufführung in der Festungsanlage Chartreuse in Villeneuve-lès-Avignon berührte durch ihre emotionale Tiefe und regte noch lange zum Nachdenken an. Zum Abschluss des Tages folgte die Aufführung “Le Pas du Monde” der internationalen Artistentruppe Collectif XY in der Cours d’honneur des Papstpalastes. In poetischen akrobatischen Formen und Bewegungen setzte sich die Truppe vor der majestätischen Umgebung des Ehrenhofes mit der Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt und der Vulnerabilität des menschlichen Daseins auseinander. 

Mit diesen drei sehr unterschiedlichen Vorstellungen hinterließ der zweite Tag einen tiefen Eindruck bei den Teilnehmenden und stieß durch die Verschiedenartigkeit der Performance-Formen emotional nachhaltende Reaktionen an.

Der dritte Tag stand dem in nichts nach und begann zur Mittagszeit in der Außenspielstätte der Opéra Grand Avignon in Vedène mit einer Adaption des Romans “Thésée, sa vie nouvelle” von Camille de Toledo. Den hochkomplexen autobiographisch inspirierten Roman, in dem es um Verlust und Erinnerung geht, brachte Valérie Dréville in einer Inszenierung mit Guy Cassiers auf die Bühne. In einem Monolog bzw. Dialog mit von ihr zuvor aufgenommenen und auf Videowände projizierten Szenen, stellte sie die komplexe Familiengeschichte in einer Performance von fast zwei Stunden eindrucksvoll in Szene. 

Programmpunkt mit Überraschungsgast

Zurück in Avignon besuchte die Düsseldorfer Gruppe die Maison Vilar, das ehemalige Wohnhaus des Festivalgründers Jean Vilar. Anhand von Artefakten, Videos und Texten vermittelt die Ausstellung die bewegte Geschichte des Festivals. 

Krönender Abschluss des offiziellen Exkursionsprogramms war die Aufführung von “Casting Lear" in der Opéra Grand Avignon, in der die spanische Dramaturgin Andrea Jiménez die schwierige Beziehung zu ihrem Vater verarbeitet. Für eine besondere Überraschung sorgt das Konzept des Stücks: jeden Abend lädt die Künstlerin einen Schauspieler ein, gemeinsam mit ihr auf der Bühne zu stehen. Das Publikum kennt jedoch lediglich die Gruppe der Angefragten - wer tatsächlich an diesem Abend auftreten wird, bleibt bis zuletzt streng geheim. Für den ausgesuchten Schauspieler bedeutet dies eine Herausforderung, da er nicht weiß, was ihn erwartet. Über ein ‘ear piece’ erhält er den Text von Shakespeares King Lear, darf darüber hinaus jedoch kein weiteres Wort sprechen und muss den Regieanweisungen der Dramaturgin strikt folgen. Zwischen den einzelnen Szenen kommentiert Jiménez das Geschehen und interpretiert Lears Verhalten im Hinblick auf ihre eigene Beziehung zu ihrem Vater.

Die Exkursionsteilnehmenden hatten das besondere Glück, Eric Ruf als ausgewählten Schauspieler zu erleben, ein langjähriges ehemaliges Mitglied und früherer Leiter der renommierten Comédie-Française. Der Theaterabend bildete somit ein weiteres Highlight der Exkursion und zugleich den perfekten Abschluss eines abwechslungsreichen und eindrucksvollen Programms.

Das Zusammenspiel aus Seminar und Exkursion hat wieder einmal mehr bewiesen, wie interdisziplinäre Lehrprojekte den intellektuellen und künstlerischen Austausch an der Fakultät befördern können. Alle Teilnehmenden zeigten große Begeisterung für das Theater und nutzten die vielfältigen Eindrücke und Anregungen für einen lebhaften Austausch über unterschiedlichste Themen.

Ermöglicht wurde die Exkursion aus fächerübergreifenden Qualitätsverbesserungsmitteln (QVM) der Philosophischen Fakultät sowie dem von Lénaïck Bidan 2025 gewonnenen Lehrpreis für Kleine Lehrveranstaltungen.