27.02.19 11:41

Nachruf Prof. Dr. Heiner Flohr

Prof. Dr. Heiner Flohr, geboren am 8. Oktober 1933 in Branka (ČSR) ist am 17. Februar 2019 im Alter von 85 Jahren in Münster gestorben. Prof. Flohr war von 1980 bis zu seiner Emeritierung 1999 als ordentlicher Professor Inhaber des Lehrstuhls Politikwissenschaft I an der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Heiner Flohr studierte von 1954 bis 1958 Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Universität zu Köln, wo er 1963 mit der Arbeit Probleme der Ermittlung volkswirtschaftlicher Erfolge promoviert wurde und sich 1966 zum Thema Parteiprogramme in der Demokratie. Ein Beitrag zur Theorie der rationalen Politik habilitierte. Nach einer Lehrstuhlvertretung für Politische Wissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum wurde er 1970 Professor für Politikwissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Rheinland, Abteilung Neuss. Rufe an die Gesamthochschule in Kassel (Lehrstuhl für Wissenschaftstheorie und Methodenfragen) und die Technische Universität Berlin (Lehrstuhl für Planungstheorie) nahm er nicht an. 1980 wurde die Pädagogische Hochschule in Neuss in die Universität Düsseldorf integriert und er dadurch Inhaber des Lehrstuhls Politikwissenschaft 1.

Heiner Flohr wurde bei dem bekannten Gerhard Weisser in Köln promoviert; er gehörte der Weisser-Schule an. Gerhard Weisser hatte sich in Verwaltungen, in der Politik und schließlich in der Wissenschaft für sein Konzept eines „Freiheitlich-demokratischen Sozialismus“ in der SPD und in der Friedrich-Ebert-Stiftung, dessen Vorsitzender er lange war, engagiert. Heiner Flohr hat – mit seinen Kollegen Klaus Lompe und Lothar F. Neumann – Gerhard Weisser durch eine Festschrift zu dessen 75. Geburtstag gewürdigt (Flohr, Lompe, Neumann 1973).

Neben seinem Interesse für politische Theorien, wobei er vor allem der Frage nach dem Verhältnis von Rationalität und Politik nachging, entwickelte er ab den 1975er Jahren seinen zweiten Schwerpunkt zum Thema biologische Grundlagen politischen Verhaltens. Er wurde ein Wegbereiter der modernen Forschung auf dem Gebiet der Biopolitics in der Bundesrepublik mit vielen Kontakten in die Vereinigten Staaten. Eine erste Publikation zu diesem in Deutschland wenig beachteten Forschungsfeld stellte der zusammen mit Wolfgang Tönnesmann herausgegebene Sammelband Politik und Biologie. Beiträge zur Life-Sciences-Orientierung der Sozialwissenschaften dar (Parey 1983). 

In diesem Forschungsnetzwerk war er viele Jahre Mitherausgeber der Zeitschrift Politics and the Life Sciences. The Journal of the Association for Politics and the Life Sciences, und er war aktiv in der European Sociobiological Society sowie in der International Society for Human Ethology.

Seine Lehrveranstaltungen an der Universität waren, wie Prof. Dr. Hans Süssmuth im Vorwort des Liber Amicorum über die Erfahrungen der Studierenden mit Heiner Flohr berichtet, „durch argumentative Schärfe und menschliche Zuwendung geprägt“.  Weitere Informationen über den wissenschaftlichen Werdegang von Heiner Flohr kann man in dem von Klaus Kamps und Meredith Watts herausgegeben Liber Amicorum. Biopolitics – Politikwissenschaft jenseits des Kulturismus, Baden Baden 1998, entnehmen.

Meine wissenschaftlichen Wege mit Heiner Flohr kreuzten sich zweimal. 1978 wurde ich als Wissenschaftlicher Rat und Professor an die Pädagogische Hochschule Neuss berufen und zu seinem jungen Kollegen. Ich konnte viel von seiner langen Erfahrung als Hochschullehrer profitieren. Aber schon nach zwei Jahren trennten sich die Wege wieder, da er in die Universität Düsseldorf ging, ich aber an die damalige Gesamthochschule Duisburg versetzt wurde. Nach einer längeren Schleife über die FernUniversität Hagen nahm ich 1998 den Ruf an die jetzt Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf genannte Hochschule an und wurde so erneut der Kollege von Heiner Flohr, allerdings nur für sehr kurze Zeit bis zu seiner Emeritierung. Wir waren aber all die Jahre im losen Kontakt geblieben, und ich freute mich, ihm nun wieder als Kollegen zu begegnen.

Heiner Flohr war ein ungemein vielseitiger Mensch. Denn er war nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Unternehmer und Politikberater. Und er war ein leidenschaftlicher Schachspieler. Neben seinen akademischen Tätigkeiten diente er von 1968 bis 1974 als betriebswissenschaftlicher Berater eines Familienunternehmens der Metallbranche in Velbert, dessen Geschäftsführer er zwischen 1974 und 1978 war. Darüber hinaus engagierte er sich als wissenschaftlicher Berater des Planungsstabes im Bundeskanzleramt zur Amtszeit von Bundeskanzler Willy Brandt sowie als Berater und Gutachter für verschiedene Bundesministerien und für die Landesregierungen von Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz in den Jahren 1968-1974.

Prof. Dr. Heiner Flohr war ein engagierter, innovativer und begeisternder Wissenschaftler, dessen Lebenswerk eine große Spanne umgreift. Er war menschlich ein aufmerksamer, zugewandter und rücksichtsvoller Kollege, der sich nie aufdrängte. Er hat mir als jungem und später als erfahrenem Kollegen zweimal den Einstieg in eine neue Hochschule leichtgemacht. Ich bin ihm dafür dankbar und werde seine Leistungen nie vergessen. Ich denke an seine Familie, die er zurücklässt. Die Philosophische Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf wird sein Andenken in Ehren halten.

 

Prof. Dr. Ulrich von Alemann

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