03.02.2020 09:46

Einzigartiger mittelalterlicher Kommunikationsschatz gehoben

Prof. Dr. Eva Schlotheuber und ihr Kolleg*innen-Team widmen sich mit ihrem Forschungsprojekt der Innenperspektive eines mittelalterlichen Frauenklosters und zeigen damit einen äußerst seltenen Einblick in den intellektuellen und sozialen Alltag. Ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse bringen das bisherige Bild vom Leben im Konvent stark ins Schwanken.

Teilstück der Briefsammlung aus dem Kloster Lüne

Teilstück der Briefsammlung aus dem Kloster Lüne. Bild: Kloster Lüne

Mittelalterliche Frauenklöster als religiöse, intellektuelle und kulturelle Zentren standen lange im Schatten der Forschung, galt doch der Vorbehalt, dass die Nonnen schon aufgrund der Klausur und mangels Lateinkompetenz nicht in der Lage waren, einen prägenden Einfluss auf die mittelalterliche Gesellschaft auszuüben oder sich am gelehrten Diskurs der Männer zu beteiligen. Der Blick auf die Frauenklöster war geprägt durch externe Quellen wie zum Beispiel Chroniken, die suggerierten, dass die geistlichen Frauen zwar in der Regel fromm waren, sich aber weitgehend passiv verhielten und daher zu vernachlässigen sind. Zu diesem Bild trug maßgeblich bei, dass die mittelalterliche Amtskirche den Frauen öffentliche Äußerungen zu religiösen Fragen verbot und von Frauen verfasste Schriften im Mittelalter deshalb eine Seltenheit sind.

Prof. Dr. Eva Schlotheuber vom Institut für Mittelalterliche Geschichte, verfolgt mit dem Forschungsprojekt „Netzwerke der Nonnen: Edition und Erschließung der Briefsammlung des Klosters Lüne von 1460 bis 1555“ einen neuartigen Ansatz. Zusammen mit Henrike Lähnemann, Professorin für Mediävistische Germanistik an der University of Oxford und einem Forscherteam (Lena Vosding, Philipp Stenzig und Philipp Trettin) widmet sie sich dem reichen spätmittelalterlichen Quellenfundus des Klosterarchivs der Lüner Benediktinerinnen, insbesondere einer Sammlung von knapp 1800 Briefen aus dem Spätmittelalter und der Reformationszeit. Diese Schriften waren bislang nahezu unbekannt und erlauben einen lebendigen Einblick in das Klosterleben aus der Binnenperspektive. Die Briefe zeichnen ein vollkommen anderes Bild als bisher bekannt. Sie zeigen, wie komplex und anspruchsvoll das religiöse Leben der Nonnen und die Leitung dieser großen Institution war und wie sie mittels eines umfangreichen Netzwerkes und einer lebendigen Kommunikationskultur, ihre Rechte und Anliegen durchaus effektiv durchzusetzen vermochten. Gefördert wird das Projekt von der Gerda-Henkel-Stiftung.

Ein Kloster mit Humor, Reflexionsfähigkeit und Ars dictaminis

Die Analyse einer so reichen Briefsammlung stellt einen großen Glücksfall für die Erforschung der Zeit- und Lebensumstände, aber auch für die Revidierung des Bildes geistlicher Frauen des späten Mittelalters und der Reformationszeit dar. Originalbriefe aus dem Mittelalter sind in der Regel kaum erhalten und auch im Fall Lüne sind die Schreiben nur deshalb überliefert, weil die Nonnen Briefkopien zur Kommunikationskontrolle und als Gedächtnisstütze für das interne Archiv erstellten. Darüber hinaus wurden Musterbriefe und Situationsformeln im Rahmen der Brieflehre gesichtet, aber auch Alltagsnotizen, wie beispielsweise eine Anleitung zum Baden, die einen lebendigen Einblick in den Alltag mit all seinen Facetten gewähren. Persönlich überrascht habe sie dabei der Humor der Nonnen, der immer wieder in den zahlreichen Briefstücken aufblitzt, äußert sich Prof. Schlotheuber begeistert. Auch die ausgesprochene Sensibilität und Reflexionsfähigkeit der Frauen habe sie nachhaltig beeindruckt.

Die knapp 1800 gut erhaltenen Dokumente in Latein, Niederdeutsch und einer Mischung beider Sprachen belegen nicht nur die ausgesprochene Sprachkompetenz der Nonnen, sondern sind, wie Lena Vosding im Rahmen ihrer Dissertation herausarbeiten konnte, Zeugnis tiefer Vertrautheit mit der Ars dictaminis, also der Kunst der Kommunikation. In exzellenter Weise beherrschten die religiösen Frauen das Metier des Briefeschreibens, die Kunst auf ihr Gegenüber adäquat einzugehen, Sachverhalte präzise zu formulieren und letztlich mittels des Schriftverkehrs eine intensive Beziehung zum Briefpartner aufzubauen. Diese Sensibilität kommt auch innerhalb der zahlreichen Trostbriefe der geistlichen Frauen zum Tragen.

Kloster als Bildungschance

Lesen und Schreiben wurde im Mittelalter anhand des gelehrten Lateins erlernt, dessen Beherrschung auch für den Chordienst der Nonnen unerlässlich war. Im Gegensatz zu Männern, standen Frauen aber weder der Besuch von Lateinschulen noch der von Universitäten offen. Einzig der Klostereintritt eröffnete Mädchen und jungen Frauen den Erwerb gelehrter Bildung und damit auch den Zugang zu verantwortungsvollen Klosterämtern, wie das der Kellermeisterin, der Sangmeisterin oder der Äbtissin. Die Leitung von Gemeinschaften, die nicht selten bis zu 80 Nonnen groß waren, einer Vielzahl an Laienschwestern sowie eines umfangreichen Gesindes, erforderte eine entsprechende Ausbildung in der Klosterschule, die neben administrativen Fähigkeiten unter anderem Latein, Theologie, Musik, Rechtskunde und Rechnen umfasste. Darüber hinaus verwalteten die Frauen häufig ausgedehnter Ländereien, zahlreiche Pfarrkirchen und bedeutender Einkünfte. „Die Kunst der Kommunikation wurde in Lüne jedoch nicht nur den Amtsfrauen, sondern allen Mitgliedern der Gemeinschaft innerhalb der intensiven klosterschulischen Ausbildung gelehrt“, erläutert Prof. Schlotheuber. Auch wenn die Kirche Frauen das Predigen und öffentliche Äußerungen zu theologischen und philosophischen Fragen untersagte – es sei, sie besaßen die Gnade der Offenbarung wie z.B. Hildegard von Bingen –, setzen sie sich innerhalb der eigenen Gemeinschaft intensiv mit religiösen, liturgischen und Fragen aller Art auseinander. Welch ein hochdifferenzierter und lebendiger Wissensraum sich dabei eröffnet – auch dies bringen die Lüner Briefe ans Licht.

Neuer methodischer Forschungsansatz – eine Digitale Edition

Die Erforschung der Lüner Klosterbriefe sind nicht nur aufgrund der historischen und sprachlichen Aspekte besonders, sie verfolgt neben der Printversion auch einen ganz neuen methodischen Ansatz der digitalen Aufbereitung der Briefe. Die digitale Edition, betreut von der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, kommt den unterschiedlichen komplexen Anforderungen von Historikern und Philologen nach und bietet beiden Disziplinen mittels einer Umschaltfunktion die Möglichkeit, sich die Ansicht auszusuchen, die sie benötigen. Durch eine umfassende Such- und Filterfunktion gewährt diese Untersuchungsmethode damit auch eine optimale linguistische und statistische Auswertung der Briefe.

 

Zur Person

Prof. Dr. Eva Schlotheuber hat in Göttingen und Kopenhagen Geschichte, Anthropologie und Archäologie studiert und ist seit dem Wintersemester 2010/11 Professorin für Mittelalterliche Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Seit 2016 ist sie Vorsitzende des Verbands der Historiker und Historikerinnen Deutschlands.

Kloster Lüne

Das Kloster Lüne befindet sich in Lüneburg und ist ein ehemaliges Benediktinerinnenkloster aus dem Jahre 1172. Es beherbergt heute ein evangelisches Kloster.

Weitere Informationen

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