Ringvorlesung: Die Bonner Republik. Diskurs - Forschung - Öffentlichkeit, Teil III

Die „Bonner Republik” ist als eine Zeit des Wiederaufbaus und beginnender Prosperität in das regionale und das politisch nationale Gedächtnis eingegangen. Doch hält diese Gesamtperspektive auf den abgeschlossenen Zeitraum einer kritischen Betrachtung stand? Welche Erkenntnisse lassen sich für die Zukunft aus den Positionen gewinnen, die von Bonn aus 1949-1990 für Furore gesorgt haben und heute Teil unserer Gegenwart sind? 

Seit zwei Jahren arbeitet ein Forschergruppe der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf mit dem dortigen An-Institut „Moderne im Rheinland” zum Thema und bindet jeweils im Wintersemester die Forschungsperspektiven in eine Ringvorlesung ein, die, an verschiedenen Orten in der Stadt Düsseldorf, den Dialog mit der Öffentlichkeit sucht. Im Wintersemester 2018/19 widmet sich unsere Ringvorlesung „Die Bonner Republik. Forschung - Diskurs - Öffentlichkeit” den 1970er-1980er Jahren. Forscherinnen und Forscher aus der Germanistik, Kunstgeschichte, den Kultur- und Sozialwissenschaften sowie der Romanistik referieren zu ausgesuchten Themen. 

Kooperationspartner sind neben der Stadt Düsseldorf die Veranstaltungsorte: Forum Freies Theater, Goethe Museum Düsseldorf/Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung, Heinrich-Heine-Institut, NRW-Forum, Institut Francais in Bonn, Stadtarchiv Düsseldorf, Zentralbibliothek Düsseldorf, Universitäts- und Landesbibliothek

Die Vorträge finden, so nicht anders angezeigt, jeweils donnerstags von 19.-20.30 Uhr statt.


CfP: Die Entstehung einer Hauptstadtregion zwischen Köln, Düsseldorf und Brüssel: Die Bonner Republik

Mit den komplexen Fragen der Herausbildung einer „Hauptstadtregion“ nach 1949 mit dem Zentrum Bonn beschäftigt sich eine Tagung der Forschungsgruppe zur „Bonner Republik“ der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf sowie des dortigen An-Instituts „Moderne im Rheinland“ in Kooperation mit dem Landschaftsverband Rheinland.

Die entscheidenden Abstimmungen des Parlamentarischen Rates und des Deutschen Bundestages 1949 führten zu einer weitreichenden Veränderung in und um Bonn herum: die Stadt wurde „Regierungssitz“ der gerade erst gegründeten Bundesrepublik. Die Entscheidung war, so war man sich einig, ein ‚Provisorium‘ und wurde, bekanntermaßen, ein ‚Provisorium in Permanenz‘, erst seit dem Bonn-Vertrag von 1970 durfte die Stadt sich überhaupt als Bundeshauptstadt bezeichnen. Die Narrative dieser Entwicklungen prägen das Bild der ‚Bonner Republik‘ bis in die aktuelle Öffentlichkeit. 

Mit Bonn kommt eine Stadt ins Spiel, die zunächst nicht den klassischen Kriterien einer ‚Hauptstadt‘ entspricht: Bonn war keine Metropole und fungierte bis dahin auch nicht als kulturelles, politisches oder wirtschaftliches Zentrum des Landes. Doch mit Bonn geriet eine Region in den Fokus, die sich im Laufe der Zeit als Hauptstadtregion mit verteilten Rollen entwickelte. In einem Spannungsverhältnis zur Bundeshauptstadt waren es die Landeshauptstadt Düsseldorf (seit 1946), die als wirtschaftlich und kulturell geprägtes Oberzentrum fungierte, und Köln als Medien- und Kulturzentrum, Sitz des Erzbistums und Standort vieler Lobbyverbände, die zur Etablierung der Haupstadtregion wesentlich beitrugen. Vor allem seit den 1960er Jahren kam zudem noch Brüssel als europäische Hauptstadt mit maßgeblichem Einfluss auf die deutsche Hauptstadtregion hinzu. 

Die Tagung fragt nach der Entstehung einer „Hauptstadtregion“: welche Vergleichsebenen lassen sich benennen, welche regionalen Schwerpunkte, in welchem Verhältnis steht das „Provisorische“ der Planung zu den Elementen der Konstituierung von „Hauptstadt“? Unter einem kulturwissenschaftlichen Zugriff steht die Frage nach der Hybridität des Konstruktes Hauptstadtregion im Fokus: wie werden hier die verschiedenen und zum Teil gegenläufigen Aspekte von Vergangenheit und Gegenwart, Demokratisierung, die Relevanz von Kunst, Literatur, Musik, Kultur etc. miteinander ins Verhältnis gebracht? Sowohl auf topographischer als auch auf zeitlicher Ebene gilt es, hierzu eine Reihe von Fragestellungen aufzuwerfen, die die historischen, politischen, wirtschaftlichen, soziologischen, kulturellen, künstlerisch-konzeptionellen und ästhetischen Positionen und Prozessen im Umfeld der ‚Hauptstadtfrage‘ untersuchen. 

Gefragt ist etwa nach 

- den Dynamiken, die die Konstruktion und Entstehung Bonns als Hauptstadt zusammen mit der umliegenden Region begleiteten, 

- den Vorstellungen von Hauptstadt: wie sieht eine Hauptstadt aus und wie verhält sie sich zur Region,

- dem Verhältnis zum Land, zum Staat und zur Nation,

- den Kulturpraktiken und künstlerischen Entwürfen,

- dem Einfluss der Region auf die Entwicklungen, nach der Relevanz des ‚Rheinischen’, 

- den Netzwerken, die sich im Umfeld der Hauptstadt und ihrer Region bildeten, gebildet und institutionalisiert wurden,

- dem, was vor Ort vorhanden war,  

- dem, was fehlte, was hinzugewonnen werden musste und

- den Selbst- und Fremdbildern, bzw. nach dem Verhältnis zu anderen Metropolregionen: wie zeitgemäß waren die rheinischen Konzepte, z.B. im Verhältnis zu politischen und/oder kulturellen Positionen in Paris, London oder auch Brüssel?

Die Tagung findet an zwei Tagen und Orten statt: Am 18.10.2019 in Bonn und am 22.11.2019 in Düsseldorf (Haus der Universität). Abstracts im Umfang von einer Seite werden bis zum 25.11.2018 an grande(at)phil.hhu.de erbeten. 

 

Planungsgruppe: 

JuniorProf. Dr. Christof Baier, Institut für Kunstgeschichte der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Prof. Dr. Gertrude Cepl-Kaufmann und Dr. Jasmin Grande, Institut „Moderne im Rheinland“ an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Georg Mölich, Landschaftsverband Rheinland

Prof. Dr. Ulrich Rosar, Dekan der Philosophischen Fakultät, Institut für Sozialwissenschaften der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Prof. Dr. Guido Thiemeyer, Institut für Geschichte der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Prof. Dr. Jürgen Wiener, Institut für Kunstgeschichte der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf


Die Bonner Republik ist als Zeit des Wiederaufbaus und beginnender Prosperität in das regionale, politisch-nationale und kulturelle Gedächtnis der Bundesrepublik Deutschland eingegangen. Teil dieses Bildes ist auch die Vorstellung einer spezifisch rheinischen Disposition und die daraus resultierenden positiven Einflüsse auf die Identitätsbildung der Bundesrepublik.

Die Beiträger_innen dieses Bandes, der den Auftakt einer Trilogie zur Bonner Republik bildet, reflektieren die Tragfähigkeit des öffentlichen Erinnerungsbildes zur Gründungsphase der BRD und der Adenauer-Ära.


Ringvorlesung im Wintersemester 2017/18

Im Wintersemester 2017/18 stehen die 1960er und 1970er Jahre im Fokus der Ringvorlesung "Die Bonner Republik. Forschung - Diskurs - Öffentlichkeit". Im Programm tragen Professorinnen und Professoren und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Heinrich-Heine-Universität aus ihren aktuellen Forschungen vor. 

Die Bonner Republik ist, daran erinnern uns aktuell die Nachrufe auf Helmut Kohl und Heiner Geißler, als eine Zeit des Wiederaufbaus und beginnender Prosperität in das regionale und das politisch-nationale Gedächtnis eingegangen. Doch hält diese Gesamtperspektive auf den abgeschlossenen Zeitraum einer kritischen Betrachtung stand? Welche Erkenntnisse lassen sich für die Zukunft aus den Positionen gewinnen, die in der Bonner Republik für Furore gesorgt haben und heute Teil unserer Gegenwart sind? 

Die Kooperationspartner sind neben der Stadt Düsseldorf die Veranstaltungsorte: Forum Freies Theater, Goethe Museum Düsseldorf/Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung, Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus, das Stadtarchiv und die Stadtbüchereien Düsseldorf.

Programm (so nicht anders angezeigt, finden die Vorträge von 17.-19.00 Uhr statt):  

26.10.2017 Haus der Universität, Prof. Dr. Michael C. Schneider: Zur Wirtschaftsgeschichte der Bonner Republik

Mit der Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland verbinden sich Schlagworte wie „Währungsreform“, „Wirtschaftswunder“, „Strukturwandel“, „Deutschland AG“ oder auch „Rheinischer Kapitalismus“. Der Vortrag beleuchtet zum einen Grundzüge der bundesrepublikanischen Wirtschaftsentwicklung seit den späten 1940er Jahren bis in die 1980er Jahre. Zum anderen diskutiert er aus einer eher unternehmenshistorischen Perspektive, inwiefern Konzepte wie jenes der „Deutschland AG“ oder des „Rheinischen Kapitalismus“ angemessen sind, sei es, um die Spezifik der Verflechtung von Banken und Industrieunternehmen zu erfassen, sei es, um die bundesrepublikanische Wirtschaftsordnung als Ganze zu beschreiben.

02.11.2017 Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus, Raum 412, Prof. Dr. Gertrude Cepl-Kaufmann: Gruppenspiele. Zur Kultur- und Literatursoziologie in der Bundesrepublik 

Auf dem kulturellen Feld der Bonner Republik sind viele Akteure  unterwegs, sie potenzieren ihre Kräfte und finden gemeinsame Ziele, treffen aber oft auf konkurrierende Interessen Anderer. In besonderer Weise sind die Gruppe 47 und die Dortmunder Gruppe 61 normgebend auf dem literarischen Feld. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Verlagslandschaft, Gattungen (mit einem Blick aufs Theater), Formen der Öffentlichkeit, auch die Wahrnehmung der kultursoziologischen Unterschiede, nicht zuletzt die Bedeutung für das kulturelle Profil der Bonner Republik.

09.11.2017 Forum Freies Theater, Juta, Dr. Jasmin Grande: „Fuck-You (!)“. Zur „Super-Garde“ der „Postmoderne“ an Rhein und Ruhr. Verhandlungen des Literaturbegriffs in den 1960er Jahren

„Fuck-You (!)“, die „Super-Garde. Prosa der Beat- und Pop-Generation“ betitelten die Akteure der Kölner Szene von Ralf-Rainer Rygalla bis Vagedis Tsakiridis ihre Anthologien, in denen sie die Kölner Szene mit der amerikanischen Gegenwartsliteratur bekannt machten. Die Titel provozieren und stehen für den Perspektivwechsel in der Literatur der späten 1960er Jahre. Doch tritt man einen Schritt zurück, so stellt sich das Ganze zunächst ganz moderat dar:  Anfang der 1960er Jahre brach in Dortmund eine Schriftstellergruppe zur Revolution der Literatur auf. Die Dortmunder Gruppe 61 wollte der Arbeitswelt literarischen Ausdruck verleihen. Die frühen Fotografien zeigen eine bürgerliche Kaffeerunde, Männer in Anzügen, Frauen mit Hochsteckfrisuren. Beschaulich!

Ende der 1960er Jahre erfolgte der Riss, er machte sich auch in der Dortmunder Gruppe 61 bemerkbar, wurde als „Tod der Literatur“ (Kursbuch 15) debattiert, von Hans Magnus Enzensberger in „Gemeinplätzen, die neueste Literatur betreffend“ umrundet und mit der Einführung der Vokabel „Postmoderne“ auf eine epochale Herausforderung gebracht.  

Der Vortrag stellt exemplarische Positionen zur Frage nach dem Potential der Literatur Ende der 1960er Jahre vor und fokussiert dabei insbesondere auf Aktivitäten an Rhein und Ruhr. Am Beispiel von Rolf Dieter Brinkmann, Wolfgang Körner und Günter Wallraff wird nach der Postmoderne in Köln und Dortmund gefragt, nach poetologischen Strategien, Netzwerken und internationalen Austauschprozessen. 

23.11.2017 Goethe Museum Düsseldorf/Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung, Prof. Dr. Volker C. Dörr: „Widerstand der Realität gegen das vorschnelle Sinnbedürfnis“. Dieter Wellershoff und sein Programm eines Neuen Realismus

Mitte der 1960er Jahre entwirft Dieter Wellershoff, seinerzeit Lektor beim Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch, das Programm eines ‚Neuen Realismus‘, von dem bald und bis heute (aber womöglich zu Unrecht) behauptet wird, es habe zur Bildung einer sog. ‚Kölner Schule‘ geführt. Der Vortrag will das Programm in seinem sozial- und literarhistorischen Kontext darstellen und nach seinen Voraussetzungen und Konsequenzen, sowie auch seinen Grenzen, fragen. Zudem sollen die ästhetischen Merkmale seiner Umsetzung – vor allem in Wellershoffs eigenem Romanschaffen dieser Zeit – in den Blick genommen werden.

30.11.2017 Haus der Universität, Prof. Dr. Hans Körner: „Jeder Mensch ein Künstler“. „Naive Malerei“ in der Bonner Republik (1960er und 1970er Jahre)

11 130 Bilder, gemalt von Menschen der Bundesrepublik Deutschland, wurden 1972 für einen Wettbewerb eingereicht, den Ende 1971 das Museum in Hamburg-Altona zusammen mit der Zeitschrift „Stern“ und der Hamburger Westbank AG ausgeschrieben hatte. Der Wettbewerb markiert einen Höhepunkt in der Popularisierung der Laienmalerei bzw. der sogenannten „naiven“ Malerei. Galt der Zöllner Henri Rousseau noch als Außenseiter der Kunst, so war „naive“ Malerei jetzt in die gesellschaftliche Mitte gerückt. Hausmänner und Hausfrauen, Stars und Politiker malten in den 1960er und 1970er Jahren „naiv“. In den 1970er Jahren verkündete Joseph Beuys: „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Gibt es einen Zusammenhang?

07.12.2017 Stadtarchiv Düsseldorf, Prof. Dr. Guido Thiemeyer: Die „Bonner Republik“ in der Europäischen Integration. Die „Europäisierung“ von Verfassung und Gesellschaft

Die Bundesregierung war zwischen 1949 und 1990 ein wesentlicher Akteur in der Europäischen Integration. Allerdings wirkte die Integration auch auf die Bundesrepublik zurück. Der Vortrag untersucht, wie das politische System der „Bonner Republik“ und die westdeutsche Gesellschaft durch die europäische Integration verändert wurden.

14.12.2017 Beginn: 12.00 Uhr Hörsaal 5A, 25.11, JuniorProf. Dr. Christof Baier „Reformgrün“. Freiraumplanung im Universitätsbau der 1960er und 1970er Jahre

Der rasanten Ausbau der Hochschullandschaft in der Bundesrepublik Deutschland in den 1960er und 1970er Jahren führte zu einem beispiellosen Bauboom. Neben Universitätsneugründungen wie in Bochum (1962) oder dem Ausbau bestehender Einrichtungen in Volluniversitäten (Düsseldorf 1965) wurden auch an bestehenden Universitätsstandorten wie etwa in Köln umfangreiche Neubauprojekte realisiert. Die zumeist mit hohem Anspruch geplante und realisierte, oft recht spröde - mit dem Begriff 'Brutalismus' fälschlich negativ bewertete - Architektur ist in den letzten Jahren stärker in den Fokus auch einer breiteren Öffentlichkeit getreten. Die Freiraumplanung jedoch, welche unabdingbar zu diesen massiven Architekturen gehört, wurde bis heute fast nicht wahrgenommen. Ein Ziel des Vortrags ist es daher, die besonderen Qualitäten der in diesen Aufbaujahren der Universitätslandschaft der Bonner Republik realisierten Freiräume aus den zeitgenössischen Diskussionen um Form und Funktion des öffentlichen Raums 'Unigrün' heraus klar zu benennen. Schließlich soll vor diesem Hintergrund der heutige, oft unbefriedigende Zustand der universitären Freiräumen thematisiert werden. 

Achtung: Der Vortrag beginnt bereits um 12.00 Uhr, um 13.00 Uhr findet ein gemeinsamer Spaziergang über die Freiflächen des Campus’ mit JuniorProf. Dr. Christof Baier statt.

11.01.2018 Zentralbibliothek, Lernstudio 1, JuniorProf. Dr. Ulli Seegers: Kunstmarkt in der Bonner Republik (1960-1975)

Während die Kasseler Documenta in den 1950er Jahren den Anschluss an die während der NS-Zeit verfemte moderne Kunst suchte, bildete sich im Rheinland rund um die Düsseldorfer Kunstakademie und den ersten Kölner Kunstmarkt (1967) eine lebendige Kunstszene mit großer internationaler Strahlkraft. Ein Netzwerk von Künstlern, Galeristen und Sammlern legte im Westen der jungen Republik das Fundament für einen florierenden Kunstmarkt, der nicht nur längst Kunstgeschichte geschrieben, sondern auch die Strukturen für einen global umspannenden Handel mit Kunst vorgeprägt hat. Der Vortrag stellt zentrale Akteure und Entwicklungslinien des rheinischen Kunstmarktes in den 1960er und 1970er Jahren vor. 

18.01.2018 Haus der Universität, Prof. Dr. Winfrid Halder: In Deutschland überflüssig? Alfred Döblin und die Bonner Republik

Alfred Döblin (1878-1957) war bereits im November 1945 wieder in Deutschland. Damit war er der erste deutsche Schriftsteller von Weltrang, der aus dem Exil zurückkehrte, um beim kulturellen Wiederaufbau des nach 12 Jahren NS-Diktatur in jeder Beziehung verheerten Landes mitzuhelfen. Döblin, der insbesondere nach dem Erscheinen seines erfolgreichsten Romans „Berlin Alexanderplatz“ (1929) als aussichtsreicher Kandidat für den Literaturnobelpreis galt, war im Februar 1933 zunächst in die Schweiz, später weiter nach Frankreich und in die USA emigriert.

Eigentlich hätte man sich in Westdeutschland glücklich preisen müssen, dass ein so prominenter Autor wie Döblin nicht nur wieder da, sondern auch nach Kräften bemüht war, sich in den Dienst eines Neubeginns zu stellen. Gleichwohl wurden die folgenden Jahre für Döblin zu einer bitteren Enttäuschung, und zwar sowohl was seine politischen Hoffnungen wie auch was seine Wahrnehmung als immer noch höchst produktiver Autor anging. Vollständig desillusioniert verließ er die junge Bundesrepublik 1953 und ging wieder nach Paris. An den mit ihm persönlich gut bekannten ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss schrieb er zum Abschied, er sei „in Deutschland überflüssig“.

Warum stieß Döblin auf so viel Unverständnis und Ablehnung? Weil er jüdischer Herkunft und der Antisemitismus untergründig noch immer virulent war? Weil man dem in der Weimarer Republik als bekennender „Linker“ bekannten Autor mißtraute, wenngleich sich Döblin von früheren politischen Positionen distanzierte und inzwischen bekennender Katholik war? Weil man ihn als „Besatzer“ wahrnahm, da Döblin seit 1936 französischer Staatsbürger und seit 1945 zunächst Mitarbeiter der Militärregierung in der französischen Besatzungszone war? Weil er, politischen Differenzen zum Trotz, Kontakt hielt zu alten Freunden, die jetzt in der DDR prominente Rollen spielten, nämlich zu Bert Brecht und Johannes R. Becher?

Der Vortrag geht folglich der Grundfrage nach, warum sich Alfred Döblin in der jungen „Bonner Republik“ fehl am Platze fühlen mußte.

25.01.2018 Roy-Lichtenstein-Saal, 22.01 Hörsaal 2A, Prof. Dr. Ulrich Rosar: Politisch-kultureller Wandel 1965 bis 1984: Eine stille Revolution?

Als Bundeskanzler Brandt in seiner Regierungserklärung vom 28. Oktober 1969 den legendären Satz sagte „Wir wollen mehr Demokratie wagen.“ traf er einen gesellschaftlichen Nerv. Ausgehend vom gewachsenen Wohlstand der Adenauer- und Erhard-Ära sowie der zunehmenden, insbesondere durch Studierende formulierten Kritik an den bestehenden politischen Verhältnissen, griff er damit einen tiefgreifenden Wunsch nach politisch-kultureller Veränderung in der arrivierten Bonner Republik auf.

Aber war dieses Streben nach einer partizipatorischen Politikkultur das Projekt einer kleinen, intellektuell geprägten Avantgarde? Oder trug Brandt hier einem stillen, aber tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel Rechnung, den er als einer der ersten erkannte und verstand? Ausgehend von sozialwissenschaftlichen Erklärungsmodellen des politisch-kulturellen Wandels und basierend auf Umfragedaten der 1960er bis 1980er Jahre möchte der Vortrag hierauf eine Antwort geben.

 

01.02.2018 Roy-Lichtenstein-Saal, 22.01 Hörsaal 2B, Prof. Dr. Jürgen Wiener: Campus-Universitäten zwischen 1960 und 1975 

 

08.02.2018 n.n., Dr. Thomas Gerhards, Dr. Uta Hinz:„Aufruhr am Rhein? - ,1968‘ in nationaler und regionaler Perspektive“

Die 1960er Jahre waren eine Zeit dynamischen gesellschaftlichen Wandels, die vielfach als Zäsur in der Geschichte der „Bonner Republik“ bezeichnet wurde. Zahlreiche Wandlungsprozesse nahmen bereits in den 1950er Jahren ihren Ausgang und kulminierten 1968 in den Studierendenprotesten. Diese soziale Bewegung war ohne Zweifel ein globales Phänomen mit nationalen Besonderheiten, aber auch mit regionalen Unterschieden. Berlin und Frankfurt waren die bundesrepublikanischen Zentren der Revolte, allerdings organisierten sich um die Universitäten in Köln, Bonn oder Münster ebenfalls lokale Protestbewegungen. Ruhig blieb es – noch – an der neuen Universität Düsseldorf. Zu fragen ist, ob die moderne transnationale Betrachtungsweise der „68er Bewegung“ nicht auch um eine transregionale zu erweitern ist.

 

Zur Ringvorlesung im Wintersemester 2016/17

Mit der Diskussion um die Tragfähigkeit des Bildes einer „Stunde Null“ beginnt die Bonner Republik. Die Ringvorlesung nimmt diese Frühphase aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven in den Blick und steckt so erste Aspekte zum Gesamtbild ab. Von den Vergleichsebenen zwischen früheren Demokratiebewegungen, über die literarischen Anknüpfungspunkte, künstlerische Aufbrüche, Gartenkonzepte in den Bombenlandschaften, Umgang mit einer Trauerkultur bis hin zum Umgang mit dem kolonialen Erbe stellen Professor/Innen der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Aspekte der frühen Bonner Republik vor.

Die Ringvorlesung im Wintersemester 2016/17

Die junge Bonner Republik war ein Staat auf der Suche nach Identität. Staatsbesuche waren in diesem Zusammenhang immer ein Instrument, um dem In- und Ausland ein über die Medien vermitteltes Bild von der Bundesrepublik Deutschland zu geben. Welche Bilder entwarf die „Bonner Republik“ in diesem Kontext von sich selbst? Dieser Frage soll im Vortrag nachgegangen werden.
Die Bonner Republik stand mit ihrer Gründung vor gewaltigen Herausforderungen: wirtschaftlich, sozial, ordnungs- und außenpolitisch. Zugleich musste sie sich gegen die und mit den alten Eliten konstituieren und so den Spagat zwischen Neuanfang und Kontinuität bewältigen. Die größte Herausforderung war jedoch die Implementierung demokratischer Strukturen und Prozesse in eine zerbrochene Gesellschaft ohne eingelebte und tragfähige demokratische Traditionen. Der Vortag gibt einen Einblick in die Rahmenbedingungen und Herausforderungen, unter denen sich die junge Bonner Republik bewähren musste. Er beschreibt ihren Weg in die Demokratie und beleuchtet die relevanten Erfolgsfaktoren. Im Fokus steht dabei das Paradox, dass gerade die spezifisch deutsche Spielart einer undemokratischen politischen Kultur der Bonner Republik den Weg in eine gelebte Demokratie geebnet hat.
Nur allzu oft herrscht immer noch der Eindruck vor, es habe im Westen Deutschlands in der angeblichen "Stunde Null" des Jahres 1945 einen kulturellen "Kahlschlag" gegeben und die Literatur sei dann 1947 von einer "Jungen Generation" auf einer "Tabula Rasa" aus den Trümmern neu erschaffen worden. Tatsächlich aber ist die Literatur der Westzonen und der jungen Bonner Republik, was Personen ebenso wie Konzepte und Themen betrifft, in hohem Maße von einer Kontinuität geprägt, die über 1945 (und 1933) zurückreicht. Dies will der Vortrag kritisch nachzeichnen.
Im Rahmen der Ringvorlesung „Die Bonner Republik. Diskurs – Forschung – Öffentlichkeitsarbeit“ ist Prof. Stefanie Michels, Professorin an der Heinrich-Heine-Universität für Europäische Expansion, mit einem Vortrag über die Schärfe der Debatte um die deutsche Kolonialvergangenheit in den 1960er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland zu Gast im FFT. Ausgangspunkt ist dabei der mediale Umgang mit Paul von Lettow-Vorbeck, gestorben 1964, Kommandeur der deutsch-ostafrikanischen Kolonialtruppe im Ersten Weltkrieg. 1918 zog er als „im Felde unbesiegter“ Kriegsheld durch das Brandenburger Tor, in der NS-Zeit nahm er eine zentrale Rolle in der Kriegs- und Kolonialpropaganda ein. An seinem Grab standen zwei seiner ehemaligen afrikanischen Soldaten. Der damalige Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel, selbst in Deutsch-Ostafrika geboren, bezeichnete ihn als Vorbild für die deutsche Jugend. Ralph Giordano, damals Journalist beim WDR erkannte hierin die „Legende vom deutschen Kolonialidyll“. Mit seinem 1966 erschienenen zweiteiligen Dokumentarfilm setzte er zu einer „Attacke“ dagegen an.
Die Opfer der Verbrechen des Nationalsozialismus, der verlorene Krieg, die im Weltkrieg gefallenen Soldaten, die zivilen Opfer des Bombenkrieges – wie wurde Ihnen in den ersten Jahren nach Kriegsende und in der jungen Bonner Republik gedacht? Der Vortrag stellt Denkmäler, Mahnmale und autonome Plastiken vor, die sich dem (letztlich nicht einlösbaren) Anspruch stellten, angemessen das zwischen 1933 und 1945 verschuldete / erlittene Leid im Kunstwerk zu erinnern. Welcher Opfergruppen wurde gedacht, was waren die künstlerischen Strategien und welche Traditionslinien der Erinnerungskultur der Weimarer Republik wurden aufgegriffen und weitergeführt?
Anhand der zweifellos kontrovers zu diskutierenden Begriffe Entnazifizierung und Amerikanisierung werden Aspekte der Grünraumplanung im urbanen Kontext thesenartig thematisiert. Dabei wird das Jahrzehnt von 1945 bis 1955 im Fokus stehen. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs und des NS-Regimes lagen auch die Städte am Rhein in Trümmern. In den ersten Nachkriegsjahren mussten nicht nur die Trümmermassen sondern auch die sichtbaren architektonischen, städtebaulichen und gartenkünstlerischen Überreste der nationalsozialistischen Herrschaft entsorgt werden. So ist der Umstand, dass im Kölner Grüngürtel der 1938 eingeweihte Fest- und Aufmarsch (Maifeld) unter einem riesigen, asymmetrisch-landschaftlichen Trümmerberg beerdigt wurde, zweifellos als Entnazifizierung zu verstehen. In Düsseldorf betrieben der Gartendirektor Ulrich Wolf und Georg Penker gut 10 Jahre später eine solche ‚Entnazifizierung‘ der Grünanlagen der Reichsausstellung Schaffendes Volk von 1936 sehr viel differenzierter. Die sich mit diesen Beispielen andeutende Gleichsetzung und damit Ablehnung des ‚architektonischen Gartenstils‘ mit monumentaler Raumkunst des Nationalsozialismus ist noch immer ein zu wenig bearbeitetes Forschungsfeld.
Rudolf Schwarz (1897–1961) war einer der bedeutendsten und streitbarsten (Kirchen-)Architekten des 20. Jahrhundert, der wie kein zweiter die Bauaufgabe Kirche reflektiert hat. Auch darüber wurde er zum eigenständigsten und tiefgründigsten Architekturtheoretiker seiner Zeit. Schwarz‘ Architekturtheorie zielte immer auf das Ganze und Grundsätzliche in der Annahme, dass Architektur eines der prägendsten Medien ist, über das sich Mensch und Welt begegnen. Daher ist sein denkendes Bauen und bauendes Denken in Form von abstrakten Welt-Bildern sowohl anthropologisch und existentiell als auch erdgeschichtlich und schöpfungstheologisch perspektiviert. Die Einsamkeit ist für diesen Begründungszusammenhang zentral. Sie wird aber nach dem Zweiten Weltkrieg stärker geerdet.
Mai 1945… absolute Stille nach dem letzten Volkssturm… Eine Stunde Null“? Antworten gab es viele. Sie changieren zwischen der Beschwörung „Allein den Betern kann es noch gelingen, das Schwert ob unseren Häuptern aufzuhalten!“ und der Diagnose eines Totalverlustes deutscher Identität. Der Ruf nach der Restitution des „Abendlandes“ wird laut! Eine Antwort, was damals gefühlt und erdacht wurde, fällt bei einem Vergleich mit der Zeit nach dem Ende des Ersten Weltkrieges leichter, ja, ohne einen Blick zurück lassen sich die Denkbilder, Erklärungsmuster und Zukunftsentwürfe kaum angemessen einschätzen. Den Ruf nach der Rettung des Abendlandes hatte es bereits in dieser ersten Nachkriegszeit gegeben. Dennoch wird man einen bemerkenswerten Unterschied herauslesen können, wenn die literarischen Quellen, die frühe Theaterarbeit und die kulturelle Praxis der Zeit nach 1945 in den Blick gerät. Dieser Teil der Ringvorlesung verknüpft im Vergleich die beiden Krisenzeiten nach Beendigung der Weltkriege. Fragen nach Ausdrucksformen und Strukturen in der Kultur und nach ihrem Stellenwert für die „Bonner Republik“ erlauben dabei, Formen alter und neuer Frömmigkeit wiederzuentdecken, die kaum mehr zu unserem Selbstbild der beginnenden Demokratie gehören.
Zwei Weltkriege hat Deutschland im 20. Jahrhundert verloren, aus beiden Kriegen sind Republiken entstanden. Wo aber sind die Gemeinsamkeiten und die signifikanten Unterschiede? „Bonn ist nicht Weimar“ war ein bekanntes Schlagwort. Aber worin unterschieden sich beiden Nachkriegszeiten substantiell? Gerd Krumeich versucht in diesem Vortrag Antworten auf diese Frage, die doch eigentlich naheliegend ist, in der Forschung bislang aber kaum einmal gestellt wurde.

 

 

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