11.01.19 09:19

Nachruf Prof. Dr. Wilhelm Gössmann

Prof. Dr. Wilhelm Gössmann, geboren am 20. Oktober 1926 in Langenstrasse, ist im Alter von 92 Jahren am 2. Januar 2019 in Düsseldorf verstorben. Prof. Dr. Wilhelm Gössmann war von 1980 bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1991 Professor für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Wilhelm Gössmann studierte Germanistik, Philosophie und Theologie in Münster und München. Nach dem Staatsexamen promovierte er 1955 mit einer Dissertation über „Das Schuldproblem im Werk Annette von Droste-Hülshoffs“ bei dem Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Hermann Kunisch.

Als Dozent unterrichtete er von 1955 bis 1960 an der Sophia- und Tokyo-Universität in Japan deutsche Sprache, Literatur und Kultur. Während dieser Zeit entstanden die Grundlagen für Gössmanns erfolgreichste Publikation, die „Deutsche Kulturgeschichte im Grundriss“ die viele Auflagen erreichte und zuletzt noch 2018 ins Chinesische übersetzt wurde. Japan blieb Wilhelm Gössmann sein Leben lang verbunden. In der Kunst des Ikebana wurde ihm der Meistertitel verliehen.

Wieder in Deutschland begründete Wilhelm Gössmann die bayerische Deutsch-Japanische Gesellschaft mit und war als deren Geschäftsführer tätig. An der Pädagogischen Hochschule Weingarten folgte 1962 eine Dozentur für deutsche Sprache und Literatur und 1968 die Professur für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Pädagogischen Hochschule Rheinland in Neuss, die später in die damalige Universität Düsseldorf überführt wurde.

Ein ganzes Jahrzehnt, von 1973 – 1983, wirkte Prof. Gössmann als Vorsitzender der Heinrich-Heine-Gesellschaft, die zuvor als vergleichsweise unbedeutender Verein unter seiner Leitung nun rasch –  in und über die Grenzen der Landeshauptstadt hinaus –  an Bedeutung gewann und seinem erfolgreichen Engagement u.a. durch die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Gesellschaft Rechnung trug. Aufgrund seines ambitionierten und nachhaltigen Engagements für Heine hatte Prof. Gössmann maßgeblichen Anteil daran, dass nach zwei Jahrzehnten der Kontroverse die Universität Düsseldorf 1988 endlich den Beschluss fassen konnte, sich nach dem in Düsseldorf geborenen politischen Dichter und Journalisten Heinrich Heine zu benennen. Bereits die erste Heine-Ehrung innerhalb der Düsseldorfer Universität wurde in Form einer von Prof. Gössmann gestifteten Büste, in der Philosophischen Fakultät in der Fachbibliothek Germanistik aufgestellt. 1993 folgte vor der Außenhörsaalwand 3A das erste Heine-Denkmal durch die Errichtung des Heine-Steins auf dem Campus der Universität. Die Aufstellung dieses grob gebrochenen Schiefersteines mit der eingemeißelten letzten Strophe aus Heines „Enfant perdu“ realisierte Prof. Gössmann in enger Kooperation mit dem AStA und somit nicht zufällig genau an dem Ort, an dem die Studierenden zuvor stets ihrer Forderung nach einer Heine-Universität durch nächtlich angebrachte Heine-Portraits und -namenszüge deutlich sichtbaren Nachdruck verliehen hatten.

Über 50 eigenständige Bücher und 400 Veröffentlichungen in sämtlichen Genres dokumentieren allein numerisch das eindrucksvolle wissenschaftliche, literarische und politische Lebenswerk des Literaturwissenschaftlers, Literaturvermittlers, Schriftstellers und engagierten Bürgers Wilhelm Gössmann. Darüber hinaus gilt es, Prof. Gössmanns kulturpolitisches Engagement im regionalen und überregionalen Kontext zu würdigen. Unter anderem fungierte er als langjähriger Leiter des Eichendorff-Instituts und als Initiator bzw. Mentor von Vereinen, Institutionen und Menschen.

„Poetisierung – Politisierung“ war ein für seine Grundüberzeugungen relevantes, teleologisches Begriffspaar und daher zugleich auch Titel einer seiner facettenreichen, ambitionierten Publikationen. Die durch ihn originär herausgearbeitete religionskritische Positionierung des modernen Menschen im von Prof. Gössmann geprägten Begriff und Kosmos des „Kulturchristentums“ spiegelte eine seiner zentralen weltanschaulichen Einsichten wider.

Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Publikationen bildeten insbesondere die Arbeiten zu Heine, der Droste und zur Literaturvermittlung. Die Veränderung auf dem Lande, das „Schreiben aus regionaler Erfahrung“ waren zeitlebens ein zentrales literarisches Thema des gebürtigen Westfalen Wilhelm Gössmanns („Wo die Apfelbäume blühen : Umbau – Land und Leute / Hier ist gut sein / Zeitweilige Fernsicht“). Gössmanns Roman „Die sieben Männer“ oder der Prosatext „Joachim“ repräsentieren darüber hinaus – hier nur exemplarisch angeführt – auch einen großen literarischen Erzähler.

Bis ins hohe Alter hinein hatte Prof. Gössmann die Entwicklung der Heine-Universität überaus interessiert verfolgt und wenn es ihm aus seiner kritisch-konstruktiven Perspektive nötig erschien, jene auch mit offenem Visier kommentiert.

Im Rahmen seiner Lehrtätigkeit hatte Prof. Gössmann als Literaturwissenschaftler und -didaktiker eine Vielzahl von Schülerinnen und Schülern generiert und diese noch Jahrzehnte über seine Emeritierung hinaus wissenschaftlich betreut und gefördert. Das große Ideal einer sich gegenseitig befruchtenden Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden war für ihn keine lästige Pflichtübung, sondern entsprach einer ihm innewohnenden Lebenseinstellung. Durch seine charismatische und authentische Persönlichkeit, gekoppelt mit literaturwissenschaftlich-didaktischer Kompetenz, hat Prof. Gössmann weit über den Bildungsauftrag und die Grenzen der Alma Mater hinaus, literarisierend nachhaltig Orientierung vermittelt.

Die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf trauert um Prof. Dr. Wilhelm Gössmann.

 

H. Ehlert

Responsible for the content: E-MailDekan der Philosophischen Fakultät