08.07.15 08:31

1,5 Millionen Euro für drei Jahre

DFG-Forschergruppe ‚Spoken Morphology‘ bewilligt

By: Redaktion / V.M.

Die vom anglistischen Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Ingo Plag als Sprecher beantragte Forschergruppe zum Thema ‚Spoken Morphology‘ wurde in der Juni-Sitzung der DFG bewilligt. Damit ist die enorme sprachwissenschaftliche Forschungskompetenz der Philosophischen Fakultät, deren Sonderforschungsbereich erst im letzten Monat verlängert wurde, erneut unter Beweis gestellt. Dekan Prof. Dr. Ulrich Rosar zeigte sich sehr erfreut über die neue Forschergruppe: „Nach dem großem Erfolg der Allgemeinen Sprachwissenschaftler, deren SFB nun in die zweite Runde geht, zeigt die Einrichtung der Forschergruppe in der anglistischen Sprachwissenschaft, dass unsere Fakultät in dieser Disziplin deutschlandweit ganz vorne mitspielt. Ich wünsche Prof. Plag und seinen Mitstreitern viel Erfolg in ihrem spannenden Forschungsvorhaben.“

Prof. Dr. Ingo Plag ist der Sprecher der neuen Forschergruppe, Foto: Archivbild HHU

Die Forschergruppe befasst sich mit der Frage, was uns die Aussprache abgeleiteter und zusammengesetzter Wörter (z.B.  Englisch analyzable, exactly oder butterfly) über die Repräsentation, Verarbeitung und Grammatik komplexer Wörter verraten kann. Neuere Erkenntnisse zu diesem Problem stellen Theorien des Mentalen Lexikons und der Grammatik vor zwei große Herausforderungen.

So wurde zum einen festgestellt, dass traditionell als regelhaft angesehene Prozesse, wie der Erhalt von Betonungen bei der Ableitung neuer Wörter, sehr viel variabler sind als gemeinhin angenommen und vorhergesagt wird (vgl. z.B. die unerwartet variable Betonungszuweisung im Englischen in Wörtern wie ánalyzable ~ analýzable, beides abgeleitet von ánalyze). Das Ausmaß dieser Variation und die Bedingungen, unter denen sie auftritt, sind ein zentrales und ungelöstes Problem für existierende Modelle der Interaktion von Lautstruktur und Wortstruktur in Grammatik und Lexikon.

Die zweite Herausforderung ist die nähere Bestimmung der Rolle der Wortstruktur  bei der phonetischen Realisierung komplexer Wörter. Dabei lautet die zentrale Frage, ob (und wenn ja, wie) die innere Struktur von Wörtern deren Artikulation und akustische Eigenschaften beeinflusst. So wurde z.B. jüngst in der Arbeitsgruppe von Prof. Plag gezeigt (Plag, Homann & Kunter in Journal of Linguistics, 2015), dass sich die verschiedenen bedeutungstragenden s-Laute des Englischen (z.B. Plural -s und Genitiv ‘s) systematisch in ihrer Länge unterscheiden, je nachdem, welche Bedeutung ausgedrückt wird, ein Befund, den keine gängige linguistische Theorie und auch keines der einschlägigen Sprachproduktionsmodelle vorhersagt. Belastbare Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet sind selten und kommen zu sich teilweise widersprechenden Ergebnissen.

Die Untersuchung der genannten morpho-phonologischen und morpho-phonetischen Phänomene kann wichtige Hinweise auf die kognitive Repräsentation und Verarbeitung komplexer Wörter liefern und damit zur Klärung einer zentralen Frage der aktuellen linguistischen Theorienbildung beitragen. Die komplexe Natur der zu untersuchenden Phänomene verlangt einen Ansatz, der Expertisen aus verschieden Teildisziplinen der Linguistik zusammenführt: Akustische und artikulatorische Phonetik, quantitativ-theoretische Linguistik, Psycholinguistik und Neurolinguistik. Ziel der Forschergruppe ist es, mit Experten aus allen diesen Bereichen die beschriebenen Fragen mit modernen Methoden interdisziplinär und sprachübergreifend einer Klärung näherzubringen. Dies geschieht durch die Erhebung und Analyse relevanter Daten und die anschließende theoretische Modellierung der Ergebnisse.

Die fünf Projekte der Forschergruppe gehen am 1.10.2015 an den Start, ab 1.2.2016 wird ein unabhängig eingeworbenes DFG-Projekt mit einer verwandten Fragestellung seine Arbeit aufnehmen und mit der Forschergruppe assoziiert sein.

Die Englische Sprachwissenschaft der HHU ist mit zwei Projekten beteiligt, die Allgemeine Sprachwissenschaft der HHU ebenfalls mit zwei. Das Trierer Projekt wird von der früheren Mitarbeiterin der hiesigen Anglistik (und seit kurzem Professorin in Trier), Prof. Dr. Sabine Arndt-Lappe, durchgeführt, und Humboldt-Professor Dr. Harald Baayen zeichnet für das Tübinger Teilprojekt verantwortlich. Das von der DFG bewilligte Gesamtvolumen für die erste, dreijährige, Förderperiode beträgt etwa 1,5 Millionen Euro.

 

Die Liste der Teilprojekte verschafft einen Eindruck über die Bandbreite der Projekte:

 

P1 PROS Dr. Sabine Arndt-Lappe (Trier)

The prosody of derived words in English

 

P 2 MALT Jun.-Prof. Dr. Ruben van de Vijver (Allgemeine Sprachwissenschaft, HHU)

Maltese plurals: phonotactics, variation and the structure of the mental lexicon

 

P 3 VAR Prof. Dr. Miriam Ernestus (Nijmegen) & Prof. Dr. Ingo Plag (Anglistik, HHU)

Morpho-phonetic variation in English

 

P4 ART Prof. Dr. Harald Baayen (Tübingen)

The articulation of morphologically complex words

 

P5 PROC Prof. Dr. Dr. Peter Indefrey (Allgemeine Sprachwissenschaft, HHU)

The online processing of homophonous words

 

Assoziiertes Projekt:

Dr. Arne Lohmann (Anglistik, HHU)

The phonetics of word class and its representation in the lexicon

 

 

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